Wie der Humor in die Kinderklinik kam

Rote Nase als Einladung zu einem clownesken Spiel

Von Christoph Müller

Aus dem Alltag von Kinderkliniken und Pflegeheimen lassen sich die Klinikclowns kaum noch wegdenken. Sie sind Farbtupfer in einer oft düsteren Welt. Die wenigsten Menschen wissen, wer die heiter-ernste Arbeit von Klinikclowns geboren hat. Michael Christensen gilt als Begründer der Klinikclown-Bewegung. Es ist nun soweit, dass seine Lebensgeschichte in dem Buch "Wie der Humor in die Kinderklinik kam" dokumentiert ist. Geburtshelfer ist einmal mehr Michael Titze gewesen, der den Schauspieler und Clown Christensen ermutigt hat, seine Lebenswege aufzuschreiben. Noch mehr: Titze hat das Buch ins Deutsche übersetzt - noch bevor das amerikanische Original veröffentlicht wurde.

Es erscheint kaum vorstellbar, dass der begnadete Clown Christensen unzählige steinige Wege gehen musste, bevor er die Zirkuswelt mit seinem Big Apple Circus prägte und zum Protagonisten der weltweiten Klinikclown-Bewegung wurde. In seinem Leben hat Christensen häufiger am Rande seiner Existenz gestanden. Dies kann man sicher sagen, ohne zu viel in seine Beschreibungen hineinzuinterpretieren. Diese existentiellen Erfahrungen haben sich zu einem Halteseil gewandelt, als er seine künstlerische Arbeit auf ein breiteres Fundament gestellt hat.

In ärmlichen Verhältnissen ist Christensen aufgewachsen. Diese prägende Erfahrung hat ihn sicher nicht unruhig werden lassen, wenn die Arbeit als Schauspieler und Clown nicht den gewünschten wirtschaftlichen Erfolg gebracht hat. Seine Mutter ist alkoholabhängig gewesen, hat ihren Kindern sicher nicht die Wärme geschenkt, die sie in verschiedenen Lebensphasen benötigt hätten. Dass er in jungen Jahren kriminell gewesen ist, kann er ohne jede falsche Scham gegenüber dem Publikum bekennen.

Christensen hat sein Handwerk von der Pike auf gelernt. Er hat auf den Straßen dieser Welt seine Clownskunst gezeigt. Er hat die Menschen in unzähligen Zirkuszelten mit seiner Arbeit begeistert. Die Aufs und Abs im Leben scheinen ihm die Kraft gegeben zu haben, bei seiner künstlerischen Arbeit einen langen Atem zu haben. Diese Mühsal hat Christensen wohl durch seine inneren Haltungen bezwungen. So schreibt er zu einem Programm mit Larry Pisoni: "Sehen Sie, wie die beiden durch Witz, Heiterkeit und Willwnskraft überleben. Das sind zwei clowneske Troubadoure, zwei urkomische Vagabunden und unbekümmerte Rattenfänger." (S. 39)

Das Buch lebt von dem Abwechslungsreichtum der künstlerischen Arbeit von Michael Christensen, vor allem aber auch von den zahlreichen Begegnungen mit Menschen, die für Christensen von großer Bedeutung gewesen sind. Das Gegenüber ist für Christensen entscheidend gewesen, um persönlich zu wachsen, aber auch seine Clownsarbeit in einer stetigen Veränderung zu bewahren. Das Gegenüber ist ja spätestens beim Wachsen der Klinikclown-Bewegung unglaublich wichtig gewesen.

Christensen ist ein Praktiker. Wer theoretische Grundsatzbeiträge erwartet, der wird enttäuscht. Wer ein buntes Leben eines künstlerisch außerordentlich begabten Mannes näher kennenlernen will, der wird Freude an dem Christensen-Buch haben. Christensen hat sich von den Wellen des Lebens tragen lassen, wenn er als Clown gearbeitet hat oder den Big Apple Circus aufgebaut hat. Er scheint nicht der Mensch zu sein, der visionäre Projekte im Sinn hat und sie letztendlich realisiert.

Man mag es nicht glauben, dass der Startpunkt der Klinikclown-Bewegung eine Arzttasche gewesen ist, die Christensens Bruder Kenneth im Angesicht eines nahenden Todes als Geschenk mitgebracht hat. Es kann doch nicht sein, dass ein banales Geschenk Stein des Anstoßes für eine weltweite Bewegung gewesen ist. "Ärzte widmen sich der Lösung vieler ernsthafte Probleme. Aus der Perspektive eines Clowns sind diese Aktivitäten aber Steilvorlagen für eine liebevolle Spöttelei." (S. 129/130). Christensen drängt die Clownsarbeit im Krankenhaus und im Pflegeheim nicht als Allheilmittel auf. Er schreibt, die roten Nasen signalisierten die Einladung zu einem clownesken Spiel (S. 143).

Das Buch "Wie der Humor in die Kinderklinik kam" bereitet eine erfrischende Lektüre. Kurzweilig blättert man von Seite zu Seite. Was ich schon aus eigener Erfahrung sagen kann: es bindet die Aufmerksamkeit so sehr, dass Menschen in öffentlichen Verkehrsmitteln die Lektüre "stören" und das Gespräch suchen. Dies sagt doch genug über die Wirkung des Christensen-Buchs.

Michael Christensen: Wie der Humor in die Kinderklinik kam - Die Lebensgeschichte des Begründers der weltweiten Klinikclown-Bewegung, HCD-Verlag, Tuttlingen 2017, ISBN 978-3-938089-25-5, 188 Seiten, 18.50 Euro.


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