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Gar nicht lächerlich! - Lachtherapien

Regensburger Nachrichten

12.11.2008
Gar nicht lächerlich! - Lachtherapien


In Deutschland entstehen daher immer mehr Lachclubs, die dafür sorgen, dass Erwachsene wieder das unbeschwerte Lachen eines Kindes erlernen. Denn während Kinder noch bis zu 400 Mal am Tag lachen, bringen es Erwachsene nur noch auf höchstens 15 tägliche Lacher.

Schon der Gedanke an die brilliante fünfminütige Laurel & Hardy-Lachszene zaubert uns ein Lächeln ins Gesicht. Denn: Herzhaftes Lachen steckt an, baut Stress ab und entspannt. Wie gut ein Mensch mit Stress umgehen kann, hängt auch davon ab, wie humorvoll er ist. Denn während Stress die Zahl der körpereigenen Abwehrzellen vermindert, stärkt Lachen die Immunabwehr und setzt körpereigene Endorphine frei. Der Kreislauf kommt in Schwung, die Organe werden besser durchblutet und mit Sauerstoff versorgt. Lachen kann sogar Schmerzen lindern. Patienten berichten, dass sie nicht nur während einer Heiterkeitsattacke, sondern auch danach weniger Schmerzen spüren.

Immer mehr Menschen besuchen Lachseminare oder treffen sich regelmäßig in einem der stetig wachsenden Lachclubs, in denen sie das grundlose Lachen der Kindheit wieder entdecken. Denn während Kinder noch bis zu 400 Mal am Tag lachen, bringen es Erwachsene nur auf 15 tägliche Lacher. In den fünfziger Jahren lachten die Menschen 18 Minuten pro Tag, heute sind es nur noch sechs Minuten. "Wir bringen die Menschen wieder zum Lachen und unterstützen sie dabei, heiter und ausgeglichen zu leben", so Regina Witz, Gründerin des Hildesheimer Lachclubs.

Auch Firmen schicken ihre Mitarbeiter mittlerweile in Lachkurse, da durch das befreiende Lachen das Gehirn aktiviert wird, sich Gedankenmuster und innere Blockaden lösen und der Geist frei wird für neue Ideen und Lösungsansätze. "Humorvolle Menschen sind leistungsfähiger, flexibler, kontaktfreudiger, erfolgreicher und gesünder", sagt Dr. Michael Titze, Wegbereiter des therapeutischen Humors in Deutschland. "Lachen ist auch ein soziales Schmiermittel", so Titze weiter.
Interview mit Dr. Michael Titze:

Herr Dr. Titze, stimmt es tatsächlich, das Lachen gesund ist oder gesund macht?

Antwort Dr. Titze: Die Lachforschung, die Gelotologie, hat Belege gefunden, warum Lachen tatsächlich gesund ist und dass Menschen, die viel lachen, weniger krankheitsanfällig sind und schneller wieder gesund werden.
Lachen ist ein echter Gesundbrunnen: Es setzt Selbstheilungskräfte frei, die wir im normalen Alltagsleben viel zu wenig nutzen. Auch werden die inneren Organe massiert. Und im Blutkreislauf werden Stresshormone abgebaut und dafür solche Inhaltsstoffe ausgeschüttet, welche die Immunabwehr steigern. Außerdem werden die Verdauungsdrüsen angeregt.

Sind humorvolle Menschen erfolgreicher?

Dr. Titze:
Unbedingt! Wer lacht, gewinnt. Das hängt zum einen damit zusammen, dass Lachen die (psychosomatischen) Lebensgeister weckt. Zum anderen ist Lachen aber auch ein soziales Schmiermittel . Es stellt die kommunikative Verbindung zwischen Menschen her, schafft jene zwischenmenschliche Brücke, über die wir als selbstbewusste und fröhliche Partner zueinander finden. Denn was einen Menschen wirklich anziehend (attraktiv) macht, ist die Mimik des lachenden oder auch lächelnden Gesichts.

Wenn Menschen dazu gebracht werden, regelmäßig unbeschwert miteinander zu lachen, erleben sie die vielen Beziehungsfallen, die sich gerade am Arbeitsplatz auftun, als eine kommunikative Herausforderung, die mit Humor freundschaftlich relativiert werden kann. (Die eigentliche Funktion des Humors ist nämlich Relativierung - ganz im Sinne des Mottos Die Lage ist katastrophal, aber nicht ernst! ) Wer relativieren kann, wird sich von seinen Kontrahenten nicht verletzen oder kränken lassen, sondern wird denjenigen, die eine sarkastische Attacke reiten, nicht nur beipflichten, sondern wird im Sinne humorvoller Schlagfertigkeit noch eins draufsetzen .

Kann man wieder lernen, mehr zu lachen?

Dr. Titze: Genau das ist das Anliegen der weltweiten Lachbewegung, die vor 13 Jahren vom indischen Arzt Madan Kataria begründet wurde: In einem geschützten Rahmen, der Lachgruppe , sollen schüchterne, vereinsamte oder einfach überernste Menschen das echte Lachen (wieder) erlernen. Voraussetzung dafür ist die Regression auf die Entwicklungsstufe von unbeschwerten, spielfreudigen Kindern, die sich (noch) keine Gedanken darüber machen, wie sie auf ihre Mitmenschen wirken die also frei von Gelotophobie sind!

Welche Bedeutung haben Lachclubs für Sie?

Dr. Titze: Ursprünglich wollte Kataria mit der von ihm als Lachyoga bezeichneten Methode eigentlich nur einen Beitrag zur Verbesserung der Volksgesundheit leisten. Möglichst viele Patienten in ganz Indien sollten sich kostenlos in entsprechenden Lachclubs gesund lachen. Ob dieses Ziel in medizinischer Hinsicht erreicht wurde, ist ungeklärt. Doch in psychosozialer Hinsicht hat sich das Lachyoga als ungemein erfolgreich erwiesen. Gerade Menschen, die im Zuge der postmodernen Individualisierung desozialisiert wurden, finden in einem Lachclub auf eine unkomplizierte Weise menschliche Nähe, spontane Lebensfreude und nicht zuletzt eine spielfreudige Selbstbestätigung.

Innerhalb weniger Jahre wurden auf allen Kontinenten Tausende Lachclubs gegründet. Man schätzt, dass mindestens 300 000 Menschen darin eingebunden sind. Die ersten Aktivisten aus Deutschland wurden 1998 am Basler Kongress Humor in der Therapie von einem Kataria-Schüler in die Methode des Lachyogas eingeführt. Unmittelbar danach entstand in Wiesbaden ein Lachyoga-Zentrum, in dem sich Lachbegeisterte (unter anderem von Kataria selbst) zu zertifizierten Lachtrainern ausbilden ließen. Inzwischen gibt es allein in Deutschland mehrere Lachyoga-Verbände, die eine durchaus ernsthafte Vereinspolitik betreiben.

Vor 8 Jahren deklarierte die Unesco auf Initiative Katarias den ersten Sonntag im Mai zum Weltlachtag. Seither haben Hunderttausende von Menschen auf der ganzen Welt an diesem Tag das heilsame Lachen gefeiert.

In Ihrer psychologischen Arbeit setzen Sie Humor als Therapeutikum ein - welche Erfolge haben Sie bzw. der Patient?

Dr. Titze: In meiner Arbeit als Psychotherapeut habe ich die Erfahrung gemacht, dass viele meiner Patienten dazu neigen, die Wirklichkeit zu ernst zu nehmen. Misserfolge im Leben, wie etwa soziale Zurücksetzungen, Niederlagen im Arbeitsleben, familiäre Enttäuschungen oder das Nichterreichen hochgesteckter Ziele werden als so gravierend erlebt, dass es zu chronischer Niedergeschlagenheit, Gekränktsein, Mutlosigkeit, Scham oder Angst kommt. Aus dieser Stimmungslage heraus erscheint das eigene Leben nur noch als Jammertal. Depressive Selbstzweifel und Existenzängste überwuchern das Dasein. Selbstbejahende Tendenzen verkümmern. In dieser unheilvollen emotionalen Verstrickung schafft Humor die nötige Distanz. Indem der Patient lernt, seine schwarzen Gedanken spielerisch auf die Schippe zu nehmen, ironisiert er sein eigenes negatives Denken.

Bei vielen meiner Patienten habe ich festgestellt, dass sie unter den negativen Aspekten des Lachens gelitten haben. Das heißt, sie wurden in ihrer Kindheit, insbesondere aber in der Pubertät, Opfer von nicht selten grausamen Verspottungen - also Hänseln, Verlachen - sowohl von Seiten Gleichaltriger als auch Erwachsener, zum Beispiel Lehrer. So entwickelten sie eine Lachangst, Gelotophobie, die fast immer vor der Umwelt schamhaft verborgen wird und Quelle vieler psychischer Probleme sein kann. Sie kann in soziale Angst münden. Die Patienten sollen mit Hilfe von paradoxen und provokativen Methoden lernen, ihren Ängsten ins Gesicht zu lachen. Zum Beispiel spiele ich mit Menschen, die übersteigerte Ängste vor Scham haben, Situationen durch, die sie als blamabel empfunden haben. Das Leben verlangt den Mut zur eigenen Lächerlichkeit.

Therapeutischer Humor will nicht um jeden Preis zum Lachen bringen. Es soll vielmehr ein Prozess angeregt werden, der zu einer selbstbejahenden, mutigen Einstellung führt, die mit Heiterkeit und Lebensfreude einhergeht.