Ihnen eilt der Ruf voraus, der eigentliche Wegbereiter des therapeutischen Humors zu sein. Wie kam es dazu, dass Sie gerade diesen Bereich der Psychotherapie für sich erschlossen haben? Waleed Anthony Salameh (W. A. S.): Den Weg wies mir die Gunst des Schicksals. Ich wuchs in einer Umgebung auf, in der die orientalische Kunst des Geschichtenerzählens allgegenwärtig war. Meine Mutter war eine Meisterin im Kolportieren von lustigen Begebenheiten, die sich täglich ereigneten. Und meine Tante war eine äußerst begabte Pantomimin, die die vielen körpersprachlichen Eigenheiten ihrer Mitmenschen in allen Einzelheiten nachmachen konnte. Das hatte dann fast immer einen zwerchfellerschütternden Effekt! Eine weitere Tante war eine herrliche Witzeerzählerin, mit einem geradezu unerschöpflichen Repertoire. In diesem Milieu blieb mir gar nichts anderes übrig, als ein Gespür für das Lustige, Unterhaltsame, Spleenige zu entwickeln – auch und gerade deshalb, weil der inhaltliche Aspekt dieser Geschichten nicht unbedingt weise oder tiefgründig war. Es war so, wie Marshal McCluhan es einmal ausgedrückt hatte: „Das Medium ist die Botschaft„. Und ganz intuitiv spürte ich, dass in dieser Botschaft etwas enthalten war, das mir sehr gut tat: das heilsame Potenzial des Humors. Eben dieses Potenzial wollte ich aufgreifen, als ich an der University of Montreal in meiner Dissertation im Fach Klinische Psychologie der Frage nachging, welche kreativen Prozesse in der Persönlichkeitsentwicklung von professionellen Komikern bestimmend sind. (Bei dieser Untersuchung lernte ich übrigens den Begründer der Gelotologie William F. Fry kennen, mit dem ich seither zusammenarbeite.) Das Ergebnis meiner Untersuchung stellte klar, welch phantastisches therapeutisches Potenzial der Humor beinhaltet! Diese Erkenntnis ließ mich seither nicht mehr los. So kam es, dass ich schon zu Beginn meiner beruflichen Karriere als Psychotherapeut daran ging, meine informellen Erfahrungen als spaßiger Geschichtenerzähler mit den Ergebnissen einer formalen wissenschaftlichen Forschung zu verschmelzen. Und das Ergebnis? Es ist eine systematische Technologie, die es möglich macht, therapeutischen Humor im Rahmen von Interventionen zu nutzen, die dem personalen Wachstum dienen.
Sie haben bereits eine große Anzahl von Fachartikeln und Büchern publiziert, die sich mit therapeutischem Humor befassen. Was ist die darin enthaltene „Message„, die Sie einem praktizierenden Psychotherapeuten übermitteln wollen? W. A. S.: Die Botschaft, die ich übermitteln will, entspricht einem alten orientalischen Sprichwort: „Lachen ist die Fülle des Herzens.„ Das bedeutet: Der lachende Humor ist ein kompensatorischer psychologischer Mechanismus. Er dient dem Zweck, die personale Balance (wieder) herzustellen und den Prozess emotionaler Selbstregulation zu aktivieren. Immer dann, wenn unsere emotionalen Batterien leer zu werden drohen, können sie durch das Lachen wieder aufgeladen werden. Schon aus diesem Grunde muss der lachende Humor ein essentieller Teil jeder therapeutischen Intervention sein. Dieser Humor ist für die seelische Ausgeglichenheit nicht allein aus energetischen Gründen wichtig. Er öffnet zusätzlich das Tor zum Fundus unseres kognitiven Potenzials. So können unsere kreativen Fähigkeiten erprobt werden, was dazu führt, dass wir die Lebensprobleme aus neuen Perspektiven wahrnehmen – wodurch diese zwangsläufig relativiert werden. Dies bewirkt dann regelmäßig einen Einstellungswandel, der Optimismus und Zuversicht hervorbringt. Die „Message„, die ich Psychotherapeuten, Beratern und allen anderen Angehörigen der helfenden Berufe überbringen will ist eine herzliche Einladung, die Kraft lachenden Humors in ihr berufliches Leben zu einzubinden. Jeder wird irgendwann vom Leben gebeutelt – ich kenne eigentlich niemanden, dem bzw. der es noch nie so ergangen ist! In einem solchen Fall hilft uns der lachende Humor zuverlässig, dass wir wieder auf die Beine kommen. Die meisten Menschen freuen sich das ganze Jahr auf ihren Jahresurlaub. Der lachende Humor entspricht einem emotionalen Urlaub, den wir uns jeden Tag gönnen können!
Welches Ihrer Bücher würden Sie jemandem empfehlen, der bzw. die sich über therapeutischen Humor informieren möchte? W. A. S.: Für den Kliniker würde ich die Handbuch-Serie empfehlen, die ich zusammen mit William F. Fry herausgegeben habe, und zwar das „Handbook of Humor and Psychotherapy„ (1987), die „Advances in Humor and Psychotherapy„ (1993) und „Humor and Wellness in Clinical Intervention„ (2001). Vor kurzem schrieb ich das Buch „Shall we Laugh?„ (2005). Der Text ist lustig und eignet sich als Lektüre für eine größere Leserschaft. In diesem Buch findet sich eine Anleitung zur Entwicklung von Humorfähigkeiten im Alltagsleben. Dies wird dadurch ermöglicht, dass Einstellungen systematisch relativiert werden, die das Zustandekommen von heilsamem Humor und Lachen blockieren. Mein neuestes Buchprojekt hat den Arbeitstitel „Homo Negativus„. Hier zeige ich im Detail auf, welche emotionalen Auswirkungen eine negative Einstellung zum Leben nach sich zieht. Und im Anschluss daran beschreibe ich, wie der lachende Humor uns den Weg ebnet, aus diesem Negativismus herauszukommen und eine positive und emotional ausgeglichene Perspektive zu gewinnen.
Einige Ihrer Bücher wurden bereits in andere Sprachen übersetzt. Der Klett-Cotta Verlag wird im Februar 2007 Ihr Buch „Humor in der Integrativen Kurztherapie„ veröffentlichen. Dieses Buch enthält Materialien, die noch nicht in anderen Sprachen publiziert wurden. Könnten Sie etwas über die Inhalte dieses Buches sagen? W. A. S.: Ich freue mich wirklich sehr darüber, dass dieses Buch in einem deutschen Verlag, bei Klett-Cotta, publiziert wird. Wie Sie wissen, bin ich mehrmals in Deutschland und der Deutschschweiz als Referent bei Kongressen und Tagungen gewesen. Nun kann ich die deutschsprachigen Leser in Europa über das gedruckte Wort unmittelbar erreichen – das freut mich, wie gesagt, außerordentlich! Nun aber zu den Inhalten dieses Buches: Zunächst geht es um die Frage, weshalb der lachende Humor für manche Angehörige helfender Berufe (insbesondere für Psychotherapeuten!) sozusagen eine verwirrende Entität ist. Da geht es natürlich um die Frage, ist das hilfreich oder kontraproduktiv; fördert der lachende Humor den therapeutischen Prozess oder behindert er ihn? Während der letzten zwei Jahrzehnte ist das Interesse am therapeutischen Humor ständig gewachsen, und zwar sowohl in Fachkreisen wie auch in der breiten Öffentlichkeit. Das Buch „Humor in der Integrativen Kurztherapie„ lanciert die These, dass die therapeutische Einbeziehung und Anwendung von lachendem Humor dazu führen kann, dass die therapeutische Arbeit auf eine radikal positive Weise bereichert wird. Ich beginne in diesem Buch damit, dass ich eine neue Definition therapeutischen Humors anbiete, die sich auf sieben unterschiedliche Kriterien bezieht. Dabei ergibt sich eine klare Abgrenzung sowohl vom Unterhaltungshumor als auch von destruktiven Spielarten des Humors wie Sarkasmus und Zynismus. Ausgehend von den eben erwähnten Kriterien wird gezeigt, weshalb der therapeutische Humor nicht etwa nur für diejenigen Kliniker hilfreich ist, die einen angeborenen Sinn für Humor bereits besitzen, sondern auch für solche, die sich in ihrer Arbeit mit humorbezogenen Interventionen bisher schwer taten. Kernstück des Buches ist ein psychodynamisches Kurzzeittherapie-Modell, das sich aus sieben Schritten zusammensetzt. Eine Vielzahl von innovativen Techniken, Fallstudien und Vignetten wird vorgestellt um zu zeigen, wie die humorbezogene Integrative Kurzzeittherapie funktioniert. Das Buch ist so aufgebaut, dass jeder der erwähnten sieben Schritte einer in sich geschlossenen Einheit entspricht. Somit kann der Leser nach Belieben in jede dieser Einheiten einsteigen, um entsprechende theoretische und praxisbezogene Anregungen zu bekommen. Insgesamt decken diese Einheiten das gesamte Spektrum von Interventionen ab, die der therapeutische Humor möglich macht. Dazu gehört als Einstieg der Evaluationsprozess, dann die Darstellung von Techniken der Humorerzeugung und die Verwendung von „Lachtests„ in Therapie und Beratung. Die weiteren Schritte nehmen Bezug auf die Anwendung der hier erstmals vorgestellten „Life Cartoon Therapy„ sowie auf die spezifischen Anregungen, wie Einstellungsblockaden gegenüber dem Humor überwunden werden können. Durchgehend habe ich mich der Hilfestellung eines speziellen Freundes versichert – Mulla Nasrudin, des zeitlosen Schelms und weisen Narren! Mulla Nasrudin ist eine legendäre Figur, die im gesamten Orient seit dem 12. Jahrhundert bekannt ist. Er war auf der einen Seite ein Sufi-Meister, auf der anderen Seite jedoch ein einfacher Mann aus dem Volke, der sich ein Leben lang auf Wanderschaft befand, stets auf der Suche nach Erleuchtung für sich selbst und für andere. Was er hinterließ ist eine Unzahl von lustigen Geschichten und Anekdoten, die voll von metaphorischen Anspielungen und aufschlussreichem Nonsens sind. Diese Geschichten haben eine große therapeutische Valenz. Sie können daher als ein Medium der indirekten Kommunikation mit Klienten verwendet werden oder zum Zwecke eigener Inspiration genutzt werden. Den Schlussteil des Buches bildet ein interaktives Instrumentarium, das es dem Leser ermöglicht, sämtliche der vorgestellten Techniken eigenständig zu erproben bzw. zu trainieren. Diese Übungseinheit steht unter dem Motto, das eigentlich für den gesamten Bereich therapeutischen Humors gilt: „Greif zu, der Tisch ist reich gedeckt!„
Die Fragen stellte Michael Titze
Waleed Salameh ist ein psychoanalytisch geschulter Psychotherapeut, der eine eigene Therapieform entwickelt hat: die Integrative Kurzzeittherapie. Dieses tiefenpsychologische Verfahren integriert konsequent die Methodik therapeutischen Humors. Die Einzelheiten finden sich in einem Buch, das im Februar nächsten Jahres beim Stuttgarter Klett-Cotta Verlag erscheinen wird.
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