Interview mit Jenny Karpawitz und Udo Berenbrinker
Udo Berenbrinker und Jenny Karpawitz, beide Clowns, Humortrainer und freie Autoren leiten seit 1983 die erste Clownschule Deutschlands. Anfangs in Norddeutschland entwickelten die beiden verschiedene Fortbildungen mit dem Schwerpunkt Clown und Körpertheater. Damals hatten sie ein Studio zwischen Bremen und Oldenburg und viele Seminare fanden in Tagungshäusern – im Sommer in Italien oder Portugal – statt. 1991 kam das damalige Albatros Institut an den Bodensee und mauserte sich inzwischen zu einer der gefragtesten Anlaufstellen für werdende Clowns. Heute in Konstanz als TAMALA CLOWN AKADEMIE bekannt (vor sechs Jahren umbenannt), werden Ausbildungen zum Clown und Comedy-Künstler und zum Gesundheit!Clown angeboten. Daneben gibt es natürlich Einführungsseminare und seit ein paar Jahren Spezialseminare zum Thema Clown und Persönlichkeitstraining.
Was fasziniert Sie an der Arbeit mit Humor?
Jenny Karpawitz: Es gibt immer etwas zu lachen. Und die Menschen blühen förmlich auf, wenn sie ihre „Humorressourcen„ entdecken. Humor verbindet uns direkt mit unserer Menschlichkeit. Noch spannender wird es, wenn es an die tieferen Schichten der Persönlichkeit geht. Es ist häufig ein Stück Befreiungsarbeit nötig, um all die Blockaden zu beseitigen, welche die emotionale Humorfähigkeit verhindern. Aber wenn dann ganz allmählich die reine Lebensfreude sichtbar wird, dann erfüllt uns das mit ganz großer Dankbarkeit.
Was möchten Sie den Menschen, die an Ihren Kursen teilnehmen, vermitteln?
Jenny Karpawitz: Die Antwort ergibt sich aus dem vorher Gesagten: Wir vermitteln unseren TeilnehmerInnen neben den Grundlagen des Clown Theaters vor allem, wie sie jederzeit und in unterschiedlichen Berufsfeldern die eigene Lebensfreude aktivieren können, aber auch konkrete Humorstrategien. Das Ausdrucksmedium ist zunächst immer der Clown, auch wenn später humorvolle Handlungen ohne Clownnase möglich werden. Lebensfreude in den unterschiedlichsten Situationen zu integrieren, ist unserer Meinung nach die ursprüngliche Aufgabe der Clowns und des Narren. Durch unerwartete Handlungen, durch den offensichtlichen Spaß am Scheitern oder durch die direkte – durchaus auch mal unverschämte – Emotionalität, lösen Clown oder Clownin Freude aus, laden das Lachen ein, ermöglichen einen Perspektivwechsel. Die Figur des Clowns - des Narren - ist schließlich eine jahrtausendealte, in allen Kulturen vorkommende gesellschaftliche Rolle mit enormem regulativen Wert. Udo Berenbrinker: Hier setzen unsere Ausbildungen an. Wir vermitteln den Teilnehmern das Handwerkszeug, um als Clown professionell zu arbeiten. Dazu gehören für uns weniger die traditionellen Zirkustechniken, als vielmehr eine innere Haltung und Einstellung. Clown-Sein ist vor allem, das Lachen in einem selbst zu aktivieren, um es dann an andere weiterzugeben. Jenny Karpawitz: Letztendlich geht es darum, die Lebensqualität zu erhöhen. Clowns tragen dazu bei, indem sie die Selbstheilungskräfte aktivieren – im Fall von Krankheit oder Demenz, aber auch innerhalb von Firmenstrukturen oder auf der Straße.
Wie ist Ihr Ausbildungskonzept entstanden?
Jenny Karpawitz: Unser Ausbildungskonzept hat sich über zwei Jahrzehnte entwickelt und wird sich – entsprechend unseren Forschungen auf diesem Gebiet – sicher weiter verändern und verbessern. Aufgrund unserer eigenen Auftrittserfahrung als Clown und Clownin konnten wir bereits in den ersten Ausbildungseinheiten vor über 20 Jahren bestimmte Regeln herauskristallisieren. Wir nannten sie die „Regeln der Komik„ und sie gehören bis heute zum Grundlagenwissen in unseren Ausbildungen. Spannend war sicher auch, vor allem in den Anfangszeiten, dass wir unterschiedliche Schwerpunkte (Yoga/Körpertherapie und Schauspiel) in unsere Ausbildungen integrieren konnten. Damals gab es außer einzelnen Workshops noch keine Möglichkeit, den Clown in seiner tiefen Dimension zu erlernen. So hatten wir die Freiheit, aber auch die Verantwortung, hier wirklich gute Arbeit zu leisten. Wir konnten den Clown sehr schnell mit einer authentischen Emotionalität verbinden, wie es auch gute Schauspieler tun. Es ging uns nicht darum, nur von Talent zu reden: Einer kann es oder kann es nicht! Unser Ziel war, klare Lehrmethoden für Clowns zu entwickeln und damit die Tiefe dieser Figur erfahrbar zu machen. Die großen Schauspiellehrer Lee Strasberg und Jerzy Grotowski standen uns sozusagen Pate. Grundlegendes aus ihren Forschungen konnten wir in unsere Arbeit integrieren. Udo Berenbrinker: Tragend war sicherlich das damalige Lebensgefühl Ende der 70iger Jahre und der Einfluss der Foolsbewegung: Clown als Provokation des alltäglichen Lebens. Erst in den letzten 6 - 7Jahren hat sich unser Konzept zu einem schlüssigen System verdichtet, das sich wie ein Lehrbuch vermitteln lässt. Es ist ein Konzept, das sich aus vielen praktischen Erfahrungen als Clown und Trainer in den letzten 25 Jahren ergeben hat. Wir begreifen dies immer noch als einen Prozess, da es ja zu Beginn unserer Entwicklung gar kein System zur Ausbildung von Clown und Humor gegeben hat. Ich betrachte dies schon als eine unserer Lebensaufgaben, ein Ausbildungssystem für Clowns, Comedy-Spieler und Humortrainer zu entwickeln, wie es Stanislawski Ende des 19.Jahrhunderts für den Schauspielberuf getan hat. Unsere bisherigen Systeme, Methoden und Trainings ermöglichen es inzwischen, den Teilnehmern und uns selbst jederzeit in den Zustand der Freude zu versetzen. Jenny Karpawitz: Viel, viel ausprobieren, Grenzen ausloten – auch mal scheitern – brachte uns immer wieder neue Erkenntnisse. Vielleicht sollten wir auch nicht vergessen, dass damals unser kleiner Sohn - heute 21 Jahre alt – mit seiner unverschämten, lebendigen Leichtigkeit das beste Vorbild und „Studienobjekt„ war. Von ihm konnten wir so viel lernen über den „Emotionalen Humor„ und die energetischen Zusammenhänge in Bezug auf die Lebensfreude.
Sie bilden Menschen aus, die den Humor in ihre berufliche Arbeit integrieren möchten. Wer sind diese Menschen?
Udo Berenbrinker: Die Teilnehmer an unseren Ausbildungen zum Gesundheit!Clown® kommen zum größten Teil aus dem sozialpädagogischen, pflegerischen und therapeutischen Umfeld. Viele Institutionen – speziell aus der Schweiz – schicken inzwischen ihre Mitarbeiter, insbesondere auch die Pflegeleitung, gezielt in diese Ausbildung. Die Teilnehmer wollen erlernen, wie sie aus der Haltung eines Clowns den Humor in den Pflegealltag integrieren können. Ein Großteil beabsichtigt aber auch, sich ein zweites Standbein aufzubauen, um als Gesundheit!Clown zu arbeiten. In den anderen Kursen und Ausbildungen finden sich vermehrt Schauspieler, aber auch junge Schauspielschüler, Berufsanfänger aus den verschiedenen Bereichen, die ganz klar den Beruf des Clowns, Komikers und Artisten ausüben wollen. In den letzten 2-3 Jahren besuchen Personen aus den Führungsetagen, Personalentwickler oder Mitarbeiter von Unternehmensberatungsfirmen unsere Seminare, um den Humor in ihre berufliche Aktivitäten zu integrieren.
Wo setzen Sie die Schwerpunkte?
Udo Berenbrinker: Die Schwerpunkte in unserer Arbeit sind die Trainings an der körperlichen Durchlässigkeit wie an den eigenen Persönlichkeitsstrukturen. Wir arbeiten viel mit den Emotionen und der Methodik von Lee Strasberg, um Gefühle auf der Bühne oder im direktem Kontakt mit Patienten humorvoll auszudrücken. Schon seit Jahren achten wir auf eine sehr authentische Spielweise, d.h. die Clowns sollen körperlich und emotional die Freude und die Lebensenergie transportieren. In dem Bereich Therapie und Unternehmenstraining konzentrieren wir uns stark auf ein sogenanntes Clown-Bewusstsein oder wie wir es nennen „die Welt aus der Sicht eines Heyoka„ zu sehen. Wir arbeiten dabei stark an dem inneren Clown und der Haltung, die Welt einmal anders zu sehen. So lassen sich dann humorvolle Interventionen in Therapie oder in der Mitarbeiterführung einsetzen.
Was sind die Voraussetzungen für die Karriere eines Clowns, der im Gesundheitsbereich wirken möchte?
Udo Berenbrinker: Die Ansprüche im Gesundheitsbereich sind an die Clowns in den letzten Jahren enorm gewachsen. Der Clown ist kein Pfleger und schon gar kein Arzt. Er ist zunächst einmal Clown mit seinem „anderen„ Denken, seiner inneren Freude und seiner Sensibilität für das menschliche Fehlverhalten und das Leiden. Um in diesem Bereich Karriere zu machen, muss er neben dem professionellen Handwerkzeug eines Komikers vor allem eine sehr gereifte Persönlichkeit entwickelt haben. Es geht darum, in jeder noch so schwierigen Situation – sei es auf einer Krebsstation oder angesichts schwerer Demenz – jederzeit mit der eigenen Kraft verbunden zu bleiben. Clowns sind dann gefragt, wenn sie mit ihrem inneren Clown, dem sogenannten Trickster so verbunden sind, dass sie ganz sensibel auf Patienten und Kinder reagieren können. Denn nur mit Einfühlungsvermögen und viel Geduld können wir Patienten oder sprachbehinderte Kinder aus ihrem emotionalen „Abtauchen„ befreien. Ein Lächeln in den „Abgrund der Seele„ zu senden ist die beste Vorrausetzung, um als Clown in diesem Bereich Erfolg zu haben.
Gibt es so etwas wie eine Humorbegabung oder lässt sich der Humor erlernen?
Jenny Karpawitz: Es ist sicher beides der Fall. Manch einer bekommt schon in der „Kinderstube„ eine entspannte Haltung zum humorvollen Umgang mit sich und der Welt vermittelt. Hier ist es selbstverständlich, dass man über Fehler lachen kann und nicht gleich im Erdboden versinken muss, wenn Kind nicht den Erwartungen von Papa oder Mama entspricht. Diese Menschen haben es sicher leichter, das Leben mit Humor zu genießen. Da könnte man von Humorbegabung reden – eben, weil keine psychischen Blockaden im Wege stehen. Auf der anderen Seite ist Humor sicher erlernbar! Wir vermitteln zum Beispiel die Regeln der Komik – auch im Management einsetzbar – und arbeiten sehr viel an der emotionalen Ebene, um Schamängste und energetische Blockierungen zu lösen. Häufig müssen die Teilnehmer erst als CownIn erfahren, dass sie nicht perfekt sein müssen, dass sie scheitern dürfen und über sich selber lachen können. Erst wenn sie sich von den alten, hindernden Mustern befreien, können sie ihren eigen Humor entwickeln. Was waren die Highlights in ihrem Leben als professionelle Humortrainer?
Jenny Karpawitz: Diese Frage zu beantworten ist gar nicht so einfach. Es gab so viele kleine und größere Momente der Freude, des Berührt-Seins, des Lachens, das ich gar nicht entscheiden kann, was davon ein Highlight ist. Sicher ist das Seminar der „Narr und der Tod„ immer ein Highlight, da es die Menschen sehr berührt. Da sind aber auch solche Momente, wie vor Jahren in Portugal, als unsere Clowns ihr Können den Dorfbewohnern präsentieren wollten. Wir hofften auf ein paar Zuschauer, aber als wir auf den Dorfplatz kamen, wartete bereits das ganze Dorf. Alle hatten selber Stühle mitgebracht – es war ein wunderbarer Abend. Auch zu erwähnen wären die Momente, wenn während der Freude-Übungen manch ein Seminarteilnehmer nach wirklich harter Arbeit mit sich selbst endlich tiefe echte Freude empfindet.
Die Fragen stellte Michael Titze.
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