Ein Besuch bei William „Bill“ Fry

Ein Besuch bei William "Bill" Fry

Ein Bericht von Michael Titze

E
s war etwas mühsam, zu Bills Refugium in den Ausläufern der Sierra Nevada zu gelangen. Die Straße war von tiefen Schlaglöchern übersät, und Bill meinte später, dass Kalifornien mit einer derartigen Infrastruktur keine Chance hätte, in die EU aufgenommen zu werden.

Wie immer führte uns Bill gleich nach der Ankunft zu seinem Gebirgsbach, der unterhalb seines Wohnhauses mit ziemlichen Getöse vorbei fließt. Vor 150 Jahren hat man hier jede Menge Gold gefunden. Heute muss man Glück haben oder tief graben, um ein Nugget zu finden. Bill wartet deshalb auf einen Sturm, denn im Wurzelgeflecht von Bäumen könnte man leicht fündig werden, erklärte er.
Später, als wir auf seiner Terrasse hoch über den Pinien des Flusstals saßen, kamen wir noch einmal auf die Bedeutung von Wurzeln zu sprechen. Bill ist nämlich ein begeisterter Ahnenforscher. Ein Teil seiner Vorfahren kommt aus der deutschen Schweiz und Norddeutschland. Kein Wunder also, dass er trotz seines hohen Alters (Bill wurde 1924 geboren) regelmäßig nach Deutschland kommt. Dieser Tatsache ist es zu verdanken, dass Bill im Spätsommer 1993 einige Vorträge über Gelotologie in der Schweiz und in Deutschland hielt, was gewiss dazu beitrug, dass der therapeutische Humor wenige Jahre später gerade in diesen beiden Ländern boomte.

Bekanntlich ist Bill Fry der Begründer der wissenschaftlichen Humor- und Lachforschung (Humorologie/Gelotologie). Natürlich unterhielten wir uns auch über diese Wurzeln sehr ausführlich. Im folgenden fasse ich die Essentials zusammen.

1953 begann sich Bill, der seit kurzem Psychiatrie an der Stanford University lehrte, an einem Forschungsprojekt zu beteiligen, das sich mit der kommunikativen Bedeutung von Paradoxien befasste: in der Dichtkunst, in Träumen, in der Interaktion von Delfinen – und im Humor. Bill hatte sich schon in seiner Schulzeit als Spaßmacher hervorgetan und sich für alle Formen von Komik und Slapstick interessiert. Daher war es naheliegend, dass er die Funktion des Humorbeauftragten in dieser – inzwischen weltbekannten – „Palo Alto Gruppe„ übernahm. Ihr offizieller Name war „Mental Research Institute„. Über Jahre gab es für Bill eine ergiebige Zusammenarbeit mit Forschern wie Gregory Bateson, Don Jackson, Virginia Satyr, Jay Haley, Paul Watzlawick (Bills direkter Zimmernachbar im Insititut!) und John Weakland. Es ging damals vor allem um Familienforschung bzw. um die Bedeutung von Beziehungsfallen („Double binds„) in schizophrenogenen Familien.

Bill war, wie gesagt, für den humorbezogenen Aspekt dieser Forschung zuständig, was zur damaligen Zeit von vielen Fachkollegen entweder belächelt wurde oder auf völliges Unverständnis stieß (nach dem Motto: „Why waste your time with something so ridiculous as humor!„) Noch in den späten sechziger Jahren wurden Artikel, die Bill in wissenschaftlichen Zeitschriften veröffentlichte, wegen ihres Bezugs zur Humorforschung von Fachkollegen heftig kritisiert!

Als Resümee seiner Arbeit beim „Mental Research Institute (MRI)„ schrieb Bill das Buch „Sweet Madness„, das 1963, ein Jahr nach seinem Ausscheiden aus dem MRI, publiziert wurde. Ein weiteres Jahr später gründete er das weltweit erste „gelotologische Institut„, das sich mit der sog. Humorphysiologie, also den körperlichen Auswirkungen von Humorreaktionen (Heiterkeit, Lachen) befasste. Bill musste dieses Institut aus eigenen Mitteln finanzieren, weil – wie gesagt – die Scientific Community erheblichen Zweifel hatte, ob die Humor- und Lachforschung den wissenschaftlichen Standards genügen würde.

Das ist inzwischen Historie. Denn die Humorologie hat sich zu einem anerkannten wissenschaftlichen Fach entwickelt. Es gibt eine akademische Vereinigung, die alljährlich weltweit Humorkongresse veranstaltet und eine eigene Fachzeitschrift herausgibt. Was die Gelotologie betrifft, gibt es aber, wie Bill erklärte, nach wie vor „sauertöpfische„ Wissenschaftler, die jede Menge an Kritik vorbringen. Waren es in der Zeit, als die Gelotologie ihre Wurzeln schlug, zumeist inhaltliche Argumente, so wird heutzutage mit formalen Einwänden operiert. Doch das wird nicht ewig dauernd, meinte Bill breit grinsend:

"Die Wurzeln sind geschlagen. Der Baum wächst und gedeiht. Jedenfalls ist er nicht mehr zu übersehen!"


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