Lustvoll scheitern

von Rolf-Michael Turek
Seelsorger am Universitäts-klinikum Leipzig

Der Mann vorn auf der Bühne hat schon zum x-ten Mal versucht einen Liegestuhl aufzustellen. Das Publikum biegt sich vor Lachen. Immer wieder klappt der Stuhl zusammen, verklemmt und verheddert sich. Das scheinbar aussichtslose Unterfangen ist zur Quelle unbändigenden Vergnügens geworden. Kein Zirkus kommt ohne ihn aus: den scheiternden, tollpatschig wirkenden und doch allzeit beliebten Clown. Dabei entspricht er so gar nicht unseren üblichen Idealen von Klugheit, Vernunft, Schönheit oder souveräner Körperbeherrschung. Doch vielleicht liegt gerade darin sein Zauber. Da lebt uns jemand vor, dass Scheitern nicht unbedingt in die Katastrophe führt, dass Schönheit, Klugheit und Anmut nicht letztgültige Werte sind. Indem sich die Zuschauer mit dem Scheiternden identifizieren, befreien sie sich für wenige Minuten aus ihren perfektionistischen Zwängen. Aus dem Zwang immer und überall alles richtig machen zu müssen, immer und überall keine Schwächen zu zeigen, keine Mängel und Fehler einzugestehen. Endlich, und wenn es nur für eine kurze Zeit ist, zeigt jemand, dass es lustvoll sein kann, zu scheitern, lustvoll Fehler zu machen, lustvoll nicht perfekt zu sein. Das gemeinsame, tief aus dem Bauch kommende Lachen ist keine Schadenfreude sondern eindeutige Begleitmusik solcher Befreiung. Anstrengend lebt es sich, wenn solche Befreiungen immer nur kurze Momente bleiben, beschränkt auf Comedy-Shows, Zirkuseinlagen oder Kabarettbesuche. Frei dagegen, wenn sie zum Grundgefühl gehören.
Befreites, nicht an fremdbestimmte Vorgaben gebundenes Leben gehört für mich zu den wesentlichen Merkmalen christlicher Lebensweise. Ein Glaubenssatz des Perfektio-nismus heißt: „Wenn ich nicht alles vollkommen richtig mache bin ich ein Versager – ungeliebt und verachtenswert.“ Ganz anders dagegen der Jesus, auf den sich die Christen berufen. Seine „Superstars“ hatten und haben Macken, leiden unter Krankheiten, machen Fehler und irren. Sie gehören damit ganz und gar nicht zur Elite der Gesellschaft. Auf den ersten Blick jedenfalls. Denn ohne Scheitern, ohne Fehler läuft nichts. Die größten Erfindungen der Menschheit sind das Resultat vieler Fehl-versuche. Ohne den Mut zum Irrtum gäbe es keinen Fortschritt, kein Lernen. Der Mythos vom perfekten Leben bindet lebensnotwendige Energie statt Kraft zu geben. Er ist unmenschlich und lebensfeindlich. Christen sind durch die Beichte gewohnt, sich regelmäßig einzu-gestehen, nicht perfekt zu sein. Daraus erwächst Gelassenheit. Eine Gelassenheit, in der ich auch entdecke: Nicht meine Leistungen, sondern meine Fehler, Macken, Ecken und Kanten machen mich liebenswert.

E-mail: turek@gmx.de


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