Wenn Meisterwerke Zähne zeigen

Heike Ostarhild

Wenn Meisterwerke Zähne zeigen Über das Lachen in der Kunst

Legat-Verlag, Tübingen 2002

ISBN 3-932942-06-X

143 Seiten, 29,80 Euro.

 

 

Wer Heike Ostarhilds Buch Wenn Meisterwerke Zähne zeigen in die Hand nimmt, der wagt einen Blick in eine Lücke. Dies hat seinen Grund, wenn der Leser der kundigen Autorin Glauben schenkt. In der Kunst seien lachende Menschen nicht einfach zu finden. Während von der Leinwand unzählige Frauen, Männer und Kinder dem Kunstinteressierten mit einem Lächeln entgegenblickten oder als Statuen dem Betrachter heiter begegneten, hielten sich die meisten Künstler bei der Darstellung des lauten Lachens zurück.

Schon im Geleitwort schreibt Ostarhild von Grenzen. Wo das Lächeln aufhört und das Lachen beginne, darüber lasse sich heftig streiten, denn ein Merkmal könne kein Gemälde und keine Skulptur vermitteln: das Geräusch des Lachens. Stein und Leinwand bleibe stumm. So entscheide schließlich allein das Vertrauen in die Dinge, die man sehe, meint Ostarhild. Wer den Blick über die mehr als 140 Seiten wagt, der spricht von einem gelungenen Unternehmen.

Ostarhild hat es geschafft, aus vielen künstlerischen Epochen das Lachen zu sammeln. Gerade dem kunstfernen Betrachter bereitet die Lektüre ein optimistisches Gefühl, wenn erkennbar wird, dass es in früheren Zeiten viele Menschen gegeben haben muss, für die das Lachen lebenswichtig gewesen sein muss. Der zahnlose Lachende , den Honoré Daumier in den dreißiger Jahren des neunzehnten Jahrhunderts mit ungebranntem, bemaltem Ton dargestellt hat, könnte noch heute als Karikatur in Zeitschriften passen. Grossen Eindruck hinterlässt auch die Ölmalerei La joie de vivre , die 1887 Ernst Abraham Josephson geschaffen hat. Ostarhild schreibt dazu: Der Titel La joie de vivre scheint bei der Darstellung eines Kranken nicht angemessen zu sein. Allerdings ist die Lust am Leben in dieser Situation wirklich gegenwärtig. Der Großvater ist nicht alleine, seine Familie ist bei ihm und sie haben Spaß miteinander ... Vielleicht steht dem Mann der Tod bevor, doch hat er das Lachen noch nicht verlernt und genießt die ihm verbleibende Zeit so gut es geht.

Ernst Barlach hat mit seiner lachenden Alten 1937 eine Skulptur geschaffen, die das Lachen an sich, ohne Grund und Hintersinn, nur als Ausdruck reiner Freude thematisiere, wie Ostarhild meint. Die Familie am Meer , die 1964 Gerhard Richter gemalt hat, drohe als Bild zur reinen Pose zu verkümmern. Eine ganz andere Botschaft vermittelt Antonio Rosselino, der um 1465 die Jungfrau mit dem lachenden Knaben gemacht hat. Ostarhild: Hier lädt ein offen lachender Knabe die Menschen dazu ein, ihn nicht als entrückte Respektsperson zu verehren, sondern ihn schlicht zu lieben. Trotz des zunehmend aufgeklärten, dem Menschen gegenüber aufgeschlossenen Zeitgeistes der Renaissance bleibt dieser lachende Jesusknabe im 15. Jahrhundert eine Ausnahmeerscheinung.

Heike Ostarhild hat einen weiten Bogen über das Lachen geschlagen. Sie spricht das Lachen des Bacchus in gleicher Weise an wie das Kinderlachen . Sie schreibt genauso, wenn das Herz im Leibe lacht sowie über Freude schöner Götterfunken . Die Systematik, mit der Ostarhild vorgegangen ist, macht dieses kunsthistorische Buch auch für den Laien lesbar. Solche Bände, die durch ihre Seriosität bestechen, braucht die Humorbewegung in Deutschland häufiger.

Christoph Müller, Walsrode


(C) 2013 - Alle Rechte vorbehalten

Diese Seite drucken