Spass beiseite

Stiftung Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland (Hrsg.)

Spass beiseite Humor und Politik in Deutschland

Edition Leipzig, Leipzig 2010

ISBN 978-3-361-00657-7

160 Seiten

 

 

Sich dem spannenden Verhältnis von Humor und Politik zu nähern, hat sich die Ausstellung Spass beiseite Humor und Politik in Deutschland zur Aufgabe gemacht, die 2010 im Zeitgeschichtlichen Forum Leipzig der Stiftung Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland sowie im Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland in Bonn gezeigt wird. Der vorliegende Ausstellungsband dokumentiert in lebendigen Bildern und abwechslungsreichen Texten, was das Verhältnis ausgemacht hat und ausmacht.

Immer wieder stellt sich die Frage, was Satire darf. Hans Walter Hütter, Historiker und Präsident der Stiftung Haus der Geschichte, gibt darauf schon in seinem Vorwort eine Antwort: Was Humor darf, wo er Tabus verletzt oder Sanktionen zur Folge hat, hängt von den Toleranzgrenzen in einem Gesellschaftssystem zur jeweiligen Zeit. Freiheit und Offenheit einer Gesellschaft spiegeln sich somit auch in den Spielräumen, die dem Humor im Allgemeinen und dem politischen Humor im Besonderen gewährt werden.

Der Ausstellungsband Spass beiseite Humor und Politik in Deutschland schlägt einen Bogen von der humorvollen Praxis zur historischen Betrachtung. Der Comedy-Star Michael Mittermeier fragt danach, was Comedy darf, während der Kabarettist Jürgen Becker fragt, was Satire nicht darf. Der Kabarettist Volker Surmann versucht eine Spassgesellschaftskunde: Deutsche Humorlandschaften nach 1990 . Der Karikaturist und Journalist Dieter Hanitzsch spürt der Kunst des Karikaturisten nach.

Der Journalist Volker Kühn wirft mit dem Text Der Idylle die Türe eingetreten; Kabarett und Satire in Westdeutschland einen Blick auf die Blütezeit und die Wurzel politischen Kabaretts nach dem zweiten Weltkrieg. Mit diesem Beitrag sieht man nach der Geschichtsträchtigkeit einer Lore Lorentz, eines Ernst Hilbich oder auch eines Werner Finck. Dabei wird es nicht vermieden, kritische Töne anzuschlagen. Die Medialisierung der Gegenwart bekommt ihr Fett weg: Was als Treppenwitz in der mehr als hundertjährigen Geschichte des deutschen Kabaretts anmutet, hat inzwischen Tradition. Sie begann in den 1980er Jahren mit der Einführung von privatem Fernsehen und Rundfunk in der Bundesrepublik. Die Einschaltquote wie dem Diktat der Werbeträger verpflichtet, haben sich die Privaten rasch zum Schrittmacher der Lachkultur entwickelt und damit zu jenem weit verbreiteten Missverständnis beigetragen, es handele sich bereits um politisches Kabarett, wenn sich da einer auf der Bühne oder vor der Kamera witzelnd über die Frisur der Kanzlerin oder gar darüber auslässt,

Einen grossen Raum nimmt die Beschäftigung mit dem Humor in der damaligen DDR ein. Dass der Karneval im Spannungsfeld zwischen Humor und Politik seinen Raum fordert, gipfelt in der Beschreibung, beantwortet der Politikwissenschaftler Marcus Hoinle mit einem Goethe schen Wort: Wenn keine Narren auf der Welt wären, was wäre dann die Welt? Der Spiegel-Autor Reinhard Mohr fragt Schluss mit lustig? und spürt alte und neue Tabus auf. Er schlussfolgert: Abgesehen vom Erzählen nazistischer Judenwitze und schwersten Verletzungen der Persönlichkeitsrechte von außergewöhnlich prominenten Zeitgenossen gibt es kein tabu mehr am Humorstandort Deutschland. Alles ist erlaubt, auch die Angst vor der eigenen Courage oder der Schiss in der Hose. Anschließend lässt Mohr noch offen, wie mit dem islamischen Fundamentalismus umzugehen ist.

Also: Machen Sie sich auf nach Leipzig oder Bonn oder kaufen Sie zumindest den Ausstellungsband. Es lohnt sich.

Christoph Müller


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