Jacques Tillys Narrenfreiheit

Udo Achten

Jacques Tillys Narrenfreiheit Provokation und Phantasie im Düsseldorfer Rosenmontagszug

Klartext-Verlag, Essen 2007

ISBN 3-89861-728-4

185 Seiten

 

 

Der Düsseldorfer Künstler Jacques Tilly ist bekannt für seine zuspitzenden Mottowagen, die er den Düsseldorfer Karnevalisten Jahr für Jahr für den Rosenmontagszug baut. Wenn eine Angela Merkel dem US-Präsidenten in zeitlicher Nähe zum Irak-Krieg in den Allerwertesten kriecht oder ein Fleischermesser einem Narren im Kontext des Karikaturenstreits den Kopf abzuschlagen droht, dann sind Tillys Mottowagen entweder am Rosenmontag in der Tagesschau zu sehen oder fallen der Zensur zum Opfer. So hat das Komitee Düsseldorfer Carneval mit dem Autoren Udo Achten eine kleine Werkschau des Künstlers Jacques Tilly veröffentlicht.

Das Buch Jacques Tillys Narrenfreiheit schafft zweierlei. Es präsentiert das wunderbare Schaffen eines kreativen Künstlers, der mit seinem Denken und seinem Werk an Grenzen geht und einmal mehr die Frage in den Raum wirft: Was darf Satire? Der Geschäftsführer des Düsseldorfer Komitee Carneval weiß darum, wenn er formuliert: Einerseits wollen wir gute und bissige politische Satire, andererseits dürfen wir nicht politisch oder weltanschaulich einseitig sein, denn der Karneval ist für alle da, niemand sollte sich angegriffen oder ausgeschlossen fühlen. Es ist nicht immer möglich, hier die richtige Balance zu finden ... Und allen, die einige Wagen für zu geschmacklos oder zu weitgehend halten, sagen wir: Es ist doch nur Karneval, am Aschermittwoch ist alles vorbei. Man sollte die Wagen mit mehr Humor nehmen. Denn so sind sie auch gemeint.

Die selbstironische Distanz scheint Jacques Tilly im Umgang mit der katholischen Kirche zu fehlen. Mit den örtlichen Granden wie dem Kölner Erzbischof hat es schon so manchen Zwist um kirchenkritische Mottowagen im Rosenmontagszug gegeben, wie das Buch Jacques Tillys Narrenfreiheit gegeben. Tillys schriftlicher Ton gibt zu denken, wenn er schreibt: Es geht um Politik, nicht um Religion. Sie aber haben daraus einen Krieg zur Verteidigung Ihres Machtsymbols gemacht. Damit wurde einmal mehr der klerikalen Intoleranz, der Engstirnigkeit und der Zensur zum Sieg verholfen. Sie haben dazu beigetragen, dass aus meinen Vorurteilen gegenüber der Kirche nun fundierte Urteile geworden sind. Dass Tilly selber Opfer der eigenen Psychodynamik geworden zu sein scheint, wofür Psychoanalytiker einen eigenen Begriff geschaffen haben, bestätigt ein weiterer Gedankengang aus einem dokumentierten Interview mit dem Künstler. Religionen seien Wahngebilde und als solche natürlich Gegenstand satirischen Spotts. Alle Gottesbilder gehörten ins Museum, unterstreicht Tilly.

Dass Karneval scharf und bissig sein muss, stellt niemand infrage. Die Mottowagen im Rosenmontagszug sind der richtige Ort. Gewinnen die Äußerungen des Künstlers über den Rosenmontagszug in der dokumentierten Weise an Schärfe, stellt sich die Frage, inwieweit ein gemeinsamer Diskurs in der karnevalsfreien Zeit für ein gemeinsames Verständnis sorgen kann. Tilly scheint sich allzu oft ja auch darüber Sorgen zu machen, dass gesellschaftliche Gruppen Einfluss auf seine Arbeit nehmen wollen.

Dem Künstler Jacques Tilly wie den verantwortlichen Karnevalisten in Düsseldorf ist die Gelassenheit zu wünschen, die sie von den Zuschauern erwarten. Das künstlerische Schaffen ist zu wertvoll als dass es in Schlammschlachten zerredet gehört. Denn beim Blättern durch die Entwürfe und fotografierten Mottowagen ist das dauernde Grinsen nicht zu unterdrücken, in der Zuspitzung findet man allzu häufig seine eigenen politischen Ansichten dokumentiert. Es ist klar, dass die Welt ohne bissige Mottowagen im Karneval und ohne Künstler wie Jacques Tilly ärmer wäre. Doch lohnt es sich in aller Zuspitzung auch nach Gemeinsamem zu schauen.

Christoph Müller, Andernach


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