Humor in der Sozialen Arbeit
Ein Tagungsbericht von Herbert Effinger
Weitere Information und Kontakt:
Prof. Dr. Herbert Effinger
Tel.: 0351-2688440
Email: herbert.effinger@ehs-dresden.de
Erkundungen im unsicheren Gelände
Vom 19. bis 20.5. 2006 trafen sich gut 100 Menschen im Deutschen Hygiene-Museum Dresden. Sie wollten wissen, ob man sich über das Leid von Menschen in schwierigen Lebenslagen oder über belastende Arbeitssituationen lustig machen darf? Lässt sich Humor nicht auch wie auch in anderen Professionen als ein wirksames Mittel in der Arbeit von Sozialarbeitern und Sozialarbeiterinnen einsetzen? Kann Humor helfen, Belastungen und Stress im beruflichen Alltag zu reduzieren? Welche Formen des Humors sind dabei wirksam und zulässig?
Die Deutsche Gesellschaft für Sozialarbeit hatte in Kooperation mit dem Museum, mit HumorCare Deutschland, und der Ev. Hochschule für Soziale Arbeit Dresden Praktiker, Studierende und Wissenschaftler der Sozialen Arbeit eingeladen, um sich gemeinsam auf die Suche nach den Möglichkeiten und Grenzen des Humors in Disziplin und Profession zu begeben. Die Tagung wurde vom Sächsischen Sozialministerium, der Ostsächsischen Sparkasse und dem Berufsbildungswerk Leipzig gefördert.
Vor Beginn der eigentlichen Tagung eröffnete der Rektor der Ev. Hochschule für Soziale Arbeit Dresden, Ralf Evers, eine Karikaturenausstellung. Zeichner wie Bähler, Burkhard, Mette, TOM, Pfohlmann, Mock, Menz und Tomaschoff überspitzen in ihren Cartoons mit ihren Federn typische Eigenheiten von Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeitern.
Die eigentliche Tagung wurde von Frau van der Loyen vom Deutschen-Hygiene Museum Dresden eröffnet. In Ihrem Beitrag wies sie insbesondere auf die reinigende Wirkung des Humors in sozialen Beziehungen hin. Ihres Wissens war dies –überraschender Weise - die erste Tagung im Museum, die sich mit Humor als einer der menschlichsten Eigenschaften beschäftigte.
Als Tagungsleiter führte Herbert Effinger von der Ev. Hochschule Dresden kurz in das Thema ein. Nach seiner Wahrnehmung erscheint vielen Kollegen und Kolleginnen in Profession und Disziplin der Einsatz von Humor als ein eher unsicheres Gelände, wie ein Hu-Moor, in dem man jenseits des sicheren Bodens fachlicher und ethischer Gewissheiten leicht versinken könne. Trotz vieler berechtigter Bedenken stellt für ihn der Humor jedoch eine noch weitgehend unentdeckte Ressource für die Gestaltung der Arbeitsbündnisse und die Bewältigung des professionellen Alltags in der Sozialen Arbeit dar.
Alfons Limbrunner von der Ev. Fachhochschule Nürnberg begab sich anschließend auf Spurensuche. Er beschrieb verschiedene Versuche innerhalb der noch relativ jungen Professionsgeschichte, ein positives und konstruktives Verhältnis zum Humor als Mittel der Kritik und Selbstkritik zu finden.
Nach diesen eher grundsätzlichen Reflexionen zu den Grenzen und Möglichkeiten des Humors in der Sozialen Arbeit brachte dann Eckhardt von Hirschhausen das Auditorium endlich und nachhaltig in eine humorvolle Stimmung. Auf kabarettistische Weise vermittelte er den Zuhörern grundlegende Erkenntnisse der Hirnforschung über die medizinisch-neuronale und psychologische Bedeutung und Wirkungen des Humors.
So eingestimmt konnten die Teilnehmer und Teilnehmerinnen sich in vier verschiedenen Workshops über die Einsatzmöglichkeiten des Humors in den Handlungsfeldern Offene Kinder- und Jugendarbeit (Siggi Karnath), Arbeit mit Behinderten (Hans-Georg Lauer), Beratung (Franz Dumbs) und Gemeinwesenarbeit (Markus Kissling und Mactar Sene) bei ausgewiesenen Fachleuten informieren.
Abgerundet wurde der erste Tag mit einer Vorstellung des Kaffeehausgesangsorchesters der Ev. Hochschule für Soziale Arbeit Dresden und einem Improvisationskabarett der Wohnungslosentheatergruppe 11% K aus Wien und anderen Gästen aus Österreich.
Am zweiten Tag stand der Humor als professionelle Bewältigungsstrategie im Mittelpunkt. Wie kann man Lachen und eine humorvolle Grundhaltung nutzen, um sich vorm Burnout, Verstrickungen mit seinen Adressaten oder mit seinen eigenen, überhöhten Ansprüchen zu schützen.
Auch hier hatten die Teilnehmer und Teilnehmerinnen die Möglichkeit, in vier Workshops Anregungen für ihren Alltag zu erhalten. In einer Gruppe wurden die Möglichkeiten des Lach-Yogas vorgestellt und erprobt (Susanne Maier). In anderen Gruppen fokussierten die Referenten auf clownpädagogische Handlungsansätze (Siggi Karnath), Humor als Faktor der Psychohygiene (Rolf-Michael Turek) und der Stressbewältigung (Gerald Eckardt und Sascha Rusch).
Den Abschluss der Tagung bildete ein Plenum, in dem noch ungeklärte und weitergehende Fragen für Forschungen oder weitere Tagungen zusammengetragen wurden. Bei der wissenschaftlichen Erforschung des Faktors Humor in der Sozialen Arbeit kommen aus der Sicht Herbert Effingers weniger grundlagentheoretische als vielmehr anwendungsbezogene Frage- und Problemstellungen in Betracht, die sich sowohl auf die unmittelbare Arbeit mit den Adressaten, die Arbeitsformen und Methoden als auch auf die Frage nach der Bedeutung des Humors in der Alltags- und Lebensbewältigung, der Lebensführung oder des Überlebens in schwierigen Lebenslagen beziehen. Sinnvoll wäre es aber auch, Bedeutung und Möglichkeiten des Humors für das Management und die Organisation der Sozialen Arbeit zu untersuchen.
Wird der Humor als Bewältigungsstrategie im Umgang mit Belastungen seitens der Adressaten und der professionellen Akteure eingesetzt, empfiehlt sich eine Kooperation mit Psychologen, Medizinern und Arbeitswissenschaftlern, insbesondere bei der Erforschung der Arbeitsbelastungen bzw. der Entlastung durch Humor und professioneller Bewältigungsstrategien.
Insgesamt stellen sich in 4 bzw. 5 originären Forschungsfelder interessante Fragestellungen wie beispielsweise:
I. Bewältigungsstrategien der professionellen Akteure
• Welche biographischen und berufssozialisatorischen Faktoren begünstigen eine humorvolle Grundhaltung?
• Wie kann man solche Grundhaltungen erwerben? Kann man Humor lernen?
II. Bewältigungsstrategien der Adressaten
• Gibt es Unterschiede bei der Bewältigung schwieriger Lebenslagen (z.B. Alg II–Bezug) bei unterschiedlich ausgeprägten Humortypen?
• Welchen Stellenwert hat der Humor in der familiären Kommunikation sog. Problemfamilien?
III. Interventionsstrategien in der Organisation
• Welche Rolle spielt Humor in der Führung und Leitung Sozialer Organisationen?
• Welche Rolle spielt Humor bei erfolgreichen Führungspersonen?
• Welche Rolle spielt Humor in der Kommunikation zwischen den Mitarbeitern?
• Welche Wechselwirkung besteht zwischen Humor, Erfolg und Arbeitsklima
• Welche Rolle spielt Humor in der Kommunikation mit der Umwelt Sozialer Einrichtungen?
IV. Interventionsstrategien im Arbeitsbündnis
• Welchen Stellenwert hat Humor in der Gestaltung erzieherischer Hilfen?
• Kann man mehr oder weniger humorvolle und produktive Bewältigungsmuster beeinflussen bzw. fördern?
• Wie lässt sich durch den Einsatz von Humor Lernen in Handlungsfeldern der Sozialen Arbeit fördern? (z.B. Kita oder Soziale Gruppenarbeit)
• Welche Methoden, Techniken und Arbeitsformen eignen sich besonders für humorvolle Interventionen in der Sozialen Arbeit?
• Welche Rolle spielt Humor im Täter-Opfer-Ausgleich?
• Welche Differenzierungen sind beim Humoreinsatz in der Arbeit mit Behinderten sinnvoll? Worin unterscheiden sich die unterschiedlichen Behindertengruppen in ihrer Möglichkeit des Umgangs mit Humor?
V. Übergeordnete Fragen
• Gibt’s es geschlechtsspezifische und kulturelle bzw. milieuspezifische Unterschiede und welche Bedeutung haben diese für die Soziale Arbeit?
• Welchen Stellenwert hat Humor in kirchlichen Einrichtungen oder Behörden?
• Wo liegen ethische Grenzen des Humors in der SA?
• Welche kulturellen und milieuspezifischen Unterschiede gibt es?
• Wie lassen sich Humorstrategien als Intervention und Bewältigungsstrategie evaluieren?
Solche und ähnliche Fragen könnten Gegenstand von Diplomarbeiten Dissertationen und natürlich auch von weiteren Tagungen sein.
Insgesamt äußerten sich die Teilnehmer und Teilnehmerinnen sehr zufrieden mit dem Verlauf der Tagung. Der weite Weg in den „Fernen Osten„ hatte sich gelohnt. Dresden wieder einmal gezeigt, dass es hier vielleicht mal das „Tal der Ahnungslosen„ gab, aber nie das Tal der Humorlosen.
