David Gilmore ,M.A., geb. 1949 in London, kam nach seinem Studium in Cambridge (Sprachen, Literatur, Geschichte) 1972 nach Westberlin, wo er zunächst im Bereich der Erwachsenenbildung tätig war. 1978 Beginn seiner künstlerischen und therapeutischen Weiterbildung in Deutschland und Kalifornien (Clown- und Improvisationstheater, körper- und gestalttherapeutische Verfahren). Seit 1983 Theaterpädagoge und Clowntherapeut in der Psychiatrischen Abteilung des Krankenhauses in Freudenstadt. Seither umfangreiche Seminar- und Weiterbildungsangebote im Bereich Pädagogik und Gesundheit. 2005 Gründung der David-Gilmore Stiftung zur Förderung von Clown- und Narrenprojekten in Institutionen des öffentlichen Lebens sowie das Humor- und Theaterprojekt „Moving Stages“

Interview mit David Gilmore

Wie wurde Gilmore zu Goldberg oder umgekehrt?

Goldberg wurde zu Gilmore und wieder umgekehrt. Denn als ich drei Jahre alt wurde, änderte mein Vater unseren Namen von Goldberg in Gilmore. Vor sechs Jahren, nach einigem Überlegen und Gesprächen mit meinem Vater, beschloss ich, meinen Namen doch nicht in Goldberg zurückzuändern. Das wäre ein Affront ihm gegenüber gewesen. Dennoch fand ich die Rückbesinnung auf unseren Familiennamen und den Namen selbst als eine gute Basis für das damals formierende Projekt, meiner Arbeit eine klarere Form zu geben. Später erfuhr ich, dass mein Großvater ebenfalls seinen Namen geändert hatte. Veränderung scheint wohl eine Familientradition zu sein!

Wie begann Deine Arbeit als Clown?

Meine Arbeit fing offiziell 1983 in der Psychiatrischen Abteilung in Freudenstadt an. Davor habe ich – aus meiner Sicht - ein Leben mit einigen Narrensprüngen geführt. Sie waren wichtiger Bestandteil meines Weges, wie ich ihn verstehe.
Auch davor war ich als Clown im Alltag jemand, der andere immer wieder durch Sprach- und Körperwitz zum Lachen bringen konnte – und mich auch mit. Die Fähigkeit, das Leben als Mischung von Spiel und Ernst zu sehen, war mir letztendlich die Hilfe, die ich brauchte, um die wichtigen Lebenssprünge zu machen, die mir geholfen haben, mein Vorhaben zu konzipieren und umzusetzen.

Was waren die künstlerischen Höhepunkte Deiner Arbeit?

Ich erinnere mich gerne an sehr gelungene, kleinere und größere Auftritte, sowohl als Clown für Erwachsene und Kinder als auch in meinem Kindertheater Picobello in Freudenstadt, das ich von 1989-2000 führte. Hauptsächlich schaffte mir meine Tätigkeit als Clown, Narr und Theatertherapeut im direkten Kontakt mit Patienten der Psychiatrie und mit Patienten der beiden psychosomatischen Kliniken bis 1999 einen hohen Genuss und ständige Befriedigung. Da waren viele Höhepunkte, besonders wenn es jemand gelang, sich menschlich und spielerisch authentisch zu zeigen, Beziehung
oder ein Spiel zu gestalten – wenn sie frei gelacht haben. Ab 1996 war ich ständig bei den psychotherapeutischen Kongressen mit großen spielerischen Vorträgen dabei und gestaltete jedes Jahr Seminare und Fortbildungsgruppen, die viel Anklang gefunden haben. Jedes Mal gab es reichlich Höhepunkte – besonders beim öffentlichen Abschlussaufführung. Vielleicht bleiben mir von den Seminaren die vier zum Thema: Der verlorene Sohn – Die verlorene Tochter in Erinnerung, die ich in Basel jeweils mit über 40 Teilnehmern durchführte, bei denen ich ein Riesenritual zu diesem Thema entwickelte und durchführte.

Wann und weshalb hast Du Dich entschlossen, im Gesundheitsbereich zu arbeiten?

Der Bereich Gesundheit, besonders die psychisch-seelische Gesundheit, ist das, was mich immer beschäftigt hat, weil sie für mich persönlich so wesentlich war. Zunächst musste ich selbst gesunden, bevor ich mit Anderen arbeiten konnte. Selbstverständlich ist das ein fortlaufender Prozess. So mache ich als Klient zweimal im Monat regelmäßig Supervision und Therapie und habe viele intensive Selbsterfahrung und Therapie sowohl als Klient als auch im Team erarbeitet. Die besondere Parallele zwischen unseren Rollen und Lebensspielen und dem Spiel auf der Bühne begleiten mich, seitdem ich mich erinnern kann. Dies ist mein Hauptinteresse. Freiräume als Narr zu finden und als Clown zu füllen suche ich mehr im Alltag als direkt auf der Bühne. Beides ist mir wichtig. Im direkten Kontakt zu anderen Menschen erlebe ich den Anderen als ständige Überraschung und Herausforderung. Ich freue mich über die Schritte eines Jeden, wenn er oder sie sich und andere als Clown zum Lachen bringt und dadurch über den eigenen Schatten springt. Wenn es jemand gelingt, die eigenen vermeintlichen Begrenzungen zu spielen und dafür den besonderen intensiven Ausdruck im Spiel eines Clowns zu finden, macht mir das eine besondere Freude.

Worauf baut Dein Konzept auf?

Ich gehe davon aus, dass wir alle Narren sind, sowohl in unseren Irrspielen als auch in unserem Bedürfnis nach dem Wahren. Deshalb wollen wir die Vernunft gelegentlich mal ruhen lassen. Wir alle sind auch Clowns, weil wir (offen oder versteckt) Lust am Spiel haben – etwas, das für uns als Kinder einmal ganz natürlich war.
Ich gehe auch davon aus, dass alle Menschen im Grunde – das heißt in ihrem Wesen als Mensch – gesund und in Ordnung sind. Wenn wir als Heranwachsende lernen, wer wir sein sollten, kann dieses Gefühl des In-Ordnung-Seins teilweise oder ganz verloren gehen. Mein Konzept baut darauf, dass ein Raum, in dem man nicht gleich bewertet wird, sondern sich frei ausdrücken darf, heilsam ist. Jeder sucht für sich einen Freiraum. Wenn dieser sorgfältig und liebevoll aufgebaut ist, kann er Ausdruck und Wahrnehmung, Spiel und Zusammenspiel fördern und stärken. In einem solchen Raum kann man sich aber auch Herausforderungen stellen. Der Clown begegnet der Welt mit Neugierde und sieht in allem einen Ausdruck von Kraft. So kann ihm nichts geschehen und so kann er mit allem spielen. Wenn jemand lernt, dies für sich genauso zu tun, kann er oder sie dies sowohl im eigenen Leben als auch auf der Bühne oder im Krankenhaus tun.

Wie kam es zur Gründung der David-Gilmore-Stiftung?

Ich habe immer das Konzept verfolgt, der Narr soll unabhängig bleiben. Er soll aber auch ein Begleiter im Alltag sein – also kein Außenseiter. Dafür braucht er seine eigene Grundlage, seine Freunde und Mitwirkenden und er braucht eine unabhängige finanzielle Unterstützung für seine Projekte. Ich will nicht von öffentlichen Stellen abhängig sein. Mir ist es lieber, einen direkten Kontakt zu Spendern zu entwickeln, denen gegenüber ich persönlich für die Verwendung des Geldes verantwortlich bin. Sie haben dann auch die Möglichkeit, eigene Vorschläge zu machen und diese können besprochen und durchgeführt werden. Ich habe beschlossen, diesen Weg zu gehen, nachdem ich auch über einen Verein nachgedacht hatte. Die Stiftung scheint die bessere Möglichkeit, Geld für Projekte zu sammeln und dort anzulegen, wo es benötigt wird. Ich habe durch die Hilfe von einem Bekannten einen Rechtsanwalt in Solingen gefunden, der schon eine Stiftung betreut. Fünf Chefärzte, für die ich jeweils gearbeitet hatte und die mich und meine Arbeit schätzten, haben mir schriftliche Empfehlungen und Atteste geschrieben und ich konnte durch die Unterstützung von Michael Titze Unterlagen von HumorCare e.V. dem Finanzamt vorlegen. Dies zusammen mit meinen Ausführungen und Unterlagen haben nach anderthalb Jahren den Erfolg gebracht.

Was sind die Ziele dieser Stiftung?

Zweck der Stiftung ist die Förderung von Aktivitäten, Pilot- und Forschungsprojekten vorwiegend im heilkundlichen, therapeutischen, pädagogischen, pflegerischen und sozialen Bereichen. Sie soll die Vermittlung und Anwendung von Humor, Spiel und Theater im beruflichen und persönlichen Alltag und als Mittel zur besseren Kommunikation und Zusammenleben fördern. Dies bezieht sich nicht nur auf die Behandlung von Krankheiten, des Umgang mit Lernschwierigkeiten, sondern auf alle öffentlichen Bereiche der Erziehung, Volksbildung und Beratung, in denen Humor, Umdenken und Innovation hilfreich sein könnte – also wo nicht?
Wir werden solche Projekte initiieren und fördern, Seminare und Schulungen durchführen und mit anderen Organisationen, Forschungsinstitute und auch politischen Gremien zusammenarbeiten.
Wir werden auch praktische sichtbare Aktivitäten entwickeln: Ich werde dieses Jahr die Clown- und Lebensschule gründen; es gibt Platz für einen Zirkus für Kinder und Jugendliche; eine ständige Bühne in Freudenstadt oder die Reisebühne „Moving Stages„, die seit einem Jahr läuft. Es werden öffentliche Auftritte, Kongresse und Zusammenkünfte von Clowns und anderen Interessierten stattfinden und, und...

Die Fragen stellte Michael Titze.