Ludwig Zink ist Salettinerpater und war von 1985 bis 2002 Bildungsleiter im „Haus Gutenberg“ in Balzers (Fürstentum Liechtenstein), einer staatlich anerkannten Fortbildungsakademie tätig. 1998 rief er die erste „Humorwerkstatt“ ins Leben, eine Fortbildungsreihe für therapeutischen Humor, die sich aus 10 Modulen zusammensetzte. Dieses europaweit einmalige Projekt fand so großen Zuspruch, dass dieser Humorwerkstatt drei weitere folgten. Pater Zink lebt seit seiner Pensionierung vor zwei Jahren in Zumikon, in der Nähe von Zürich. Kontakt: l.zink@ggaweb.ch

Interview mit Ludwig Zink

Pater Zink, wie kamen Sie als Schwabe ins Fürstentum Liechtenstein?

Ja, wie heisst es doch: Gottes schönste Gabe: ein Oberschwabe. Als Seelsorger in Sindelfingen hatte ich viele Weiterbildungen absolviert, wie ein Studium in Pädagogik in Tübingen, eine Ausbildung zum Psychodramaleiter und zum Erwachsenenbildner. Es war dann ein glücklicher Zufall, dass der Ordensobere an mich gelangte und mich um einen Wechsel nach Balzers, ins Fürstentum Liechtenstein bat, um dort der Aufgabe eines Bildungsleiters im Bildungshaus Gutenberg nachzukommen. Nach zehn Jahren als Gemeindepfarrer stellte ich mich 1985 gerne dieser Herausforderung.

Nicht nur in HumorCare-Kreisen wird Ihr hintergründiger Humor geschätzt! Was hat dazu geführt, dass Sie die Heiterkeit so konsequent in Ihre Arbeit integriert haben? 

Gewiss war mir mein Vater ein Vorbild. Einer seiner Leitsätze war: Es ist alles für etwas gut. Als Dreissigjähriger hatte er einen schlimmen Unfall, bei dem ihm dann das linke Bein wegamputiert wurde. Als dann der Krieg tobte, sagte er, als Gesunder hätte er gewiss in den Krieg ziehen müssen. Wer weiss, ob er dann hätte zurückkehren können. So könnte er eben Zuhause allerlei Unfug mit seinem Holzbein machen. Vielleicht habe ich die Freude am Unsinn von ihm. Bei einem meiner gelegentlichen Aufenthalte in Sils Maria, einem Lieblingsort von Friedrich Nietzsche, las ich in seinem Buch: Menschliches, Allzumenschliches: „Wie kann der Mensch Freude am Unsinn haben? So weit nämlich auf der Welt gelacht wird, ist dies der Fall; ja man kann sagen, fast überall, wo es Glück gibt, gibt es Freude am Unsinn. Das Umwerfen der Erfahrung in`s Gegenteil, des Zweckmässigen in`s Zwecklose, des Notwendigen in`s Beliebige, doch so, dass dieser Vorgang keinen Schaden macht und nur einmal aus Übermut vorgestellt wird, ergötzt, denn es befreit uns momentan von dem Zwange des Notwendigen, Zweckmässigen und Erfahrungsgemässen, in denen wir für gewöhnlich unsere unerbittlichen Herren sehen; wir spielen und lachen dann, wenn das Erwartete (das gewöhnlich bange macht und spannt) sich, ohne zu schädigen, entladet.“

Wie kam es, dass ausgerechnet im verträumten Liechtenstein die europaweit erste und einzige „Humorwerkstatt“ etabliert wurde?
Ich bin in der Typologie nach C.G.Jung ein extrovertierter, intuitiver Typ, also einer der riecht, was es drei Häuser weiter zu essen gibt, der aber gelegentlich über seine eigenen Beine stolpert. Es wird mir nachgesagt, dass ich die Trends frühzeitig gespürt und dann entsprechende Bildungsmassnahmen getroffen habe. So wurde auch der Humor - gerade in einer Zeit, wo mehr und mehr Zertifizierungen verlangt und die Bildungseinrichtungen durch Ernsthaftigkeit sich auszeichnen sollten - für mich ein Elixier, ein Gegenmittel zu den perfektionistischen Anforderungen. Vielleicht erging es anderen inmitten von sterilen Erwartungen und Leistungsanforderungen ähnlich. Auf alle Fälle kamen die Kursteilnehmer und- teilnehmerinnen ins verträumte Liechtenstein, wie Sie sagen. Übrigens der Anfang vom Anfang war eben mein Entschluss, bei einer abendlichen Buchbesprechung in Bern teilzunehmen, wo ein Michael Titze, den Sie ja etwas kennen, sein Buch „Die heilende Kraft des Lachens“ vorstellte.

Wie war eine Humorwerkstatt aufgebaut, was sollte den Teilnehmern vermittelt werden?
Ich bin davon überzeugt, dass jedermann und jedefrau einen Schatz an Humor hat. Doch vielen ergeht es ähnlich wie mit ihren Träumen, wenn sie sagen: „Ich träume nicht“, das heisst ja eigentlich: Ich erinnere mich nicht an die Träume, die ich Nacht für Nacht habe. So können manche sagen: Ich bin ein durch und durch humorloser Mensch. Bei vielen ist der Humor ein versteckter Schatz, den es zu entdecken gilt, bzw. es hilft, wenn man ihn etwas herauskitzelt. Dafür gab es in der Humorwerkstatt eine Vielzahl unterschiedlicher Angebote. Ob es nun Emil Herzog war mit seinen Anregungen für witzige Auftritte oder Pello, der eine bunte Kiste voller Überraschungen und eine markante Reihe von Masken mitbrachte. David Gilmores Entdeckungsreise nach dem verborgenen Clown wurde abgelöst von der kindlichen Spielfreude mit Elke Maria Riedmann. Ein Meister für Geschichten mit überraschendem Ausgang war Nossrat Peseschkian, der sie verschmitzt lächelnd mit iranischem Charme erzählte. Humor im Umgang mit Kranken war das Spezialgebiet von Iren Bischofberger. Erheiterndes Lachen gab es, wenn versucht wurde, jemanden aus seiner festgefahrenen Problemrille herauszukippen, wie es Frank Farrelly oder Noni Höfner taten. Sie, Michael Titze, haben mit Erika Kunz zusammengearbeitet. Ich erinnere mich noch an eine Übung, bei der gleichsam die Brust geöffnet werden sollte, um den inneren Kasperl herauszulassen. Aber auch von frühkindlichen Lachverboten und Beschämungen war die Rede. Manchmal wurde einfach darauf losgelacht à la Kataria. Einmal haben wir sozusagen als Werbemagneten für Humor ein Humorfestival in der mittelalterlichen Burg Gutenberg veranstaltet. Da gab es glanzvolle Auftritte von Pello, von Globo und auch von meinem Neffen Markus Zink. Wer seinem eigenen Humor, seiner eigenen Spitzbübigkeit, seinem eigenen Schelm, seinem inneren Kind oder auch seinem Sprachwitz auf der Spur war, hatte nach der Humorwerkstatt die Möglichkeit dieser spezifischen Eigenart nachzugehen und sie zu vertiefen.

Wie war die Resonanz der Teilnehmer?
Es war ganz erfreulich zu erleben, von wo überall her die Menschen zu den Humorseminaren kamen. Einer kam mit dem Flugzeug von Hamburg, während ein anderer mit seiner Partnerin aus Spargründen es vorzog, den Wohnwagen auf dem Parkplatz vor dem Haus abzustellen. Im Nachhinein muss ich sagen, dass natürlich die Humorkongresse in Basel eine ganz günstige Plattform waren, die wir gerne für die Werbung nutzten. Manchmal treffe ich heute den einen oder anderen der ehemaligen Kursteilnehmer, bzw. Kurzsteilnehmerin und wir diskutieren über den Satz von Erich Kästner, ob es leichter ist, das Leben schwer zu nehmen und ob es schwerer ist, das Leben leicht zu nehmen.

Welche Auswirkungen ergaben sich aus dieser Arbeit auf die Humorbewegung in Liechtenstein, der Schweiz und Österreich?
Sie kennen ja den Witz. Die Frau eines liechtensteinischen Treuhänders geht zum Therapeuten und sagt: „Das Problem ist mein Mann. Er denkt dauernd ans Geld.“ Der Therapeut antwortet: „Das werden wir bald haben.“ Also Geld ist ja auch etwas für viele sehr Ernsthaftes. „Wenn ich einmal reich wär`“, singt Tevje in Anatevka,“ meine Frau, prachtvoll gekleidet, stolzierte wie ein Pfau.“ Leider findet mit dem Reichtum oft ein Perspektivenwechsel statt, den der provokative Humor auf die Schippe nehmen kann. Ich gründete also in Liechtenstein den Verein „Humorakel FL“ (www.humorakel.li). Und er ist immer noch - Gott sei Dank - quicklebendig. Engagements kamen hinzu. Als Referent wurde ich zu einem Humorkongress nach Graz eingeladen, den das Bildungshaus Mariatrost veranstaltete. Auch brachte ich die religiösen Perspektiven des Humors beim ersten Gesundheitskongress in Klagenfurt ein, der unter dem Titel „Heilsames Lachen“ durchgeführt wurde. Zum zehnjährigen Jubiläum der Klinikclowns von Salzburg wurde ich zu einer Podiumsdiskussion von den Salzburger Nachrichten eingeladen. In der Schweiz war ich in einigen Kirchengemeinden zum Thema Humor eingeladen. Der Humor hat eben etwas Ansteckendes. Ein humorvoller Stupser tut Einzelnen wie Institutionen gut. Er öffnet neue Denk- und Freiheitsräume.

Sie sagten einmal, dass eine kirchliche Karriere erst im „papabilen Alter“, also mit 78 starten kann. Was haben Sie sich in diesem Zusammenhang noch vorgenommen?

David Gilmore hat einmal bei einem Seminar im Haus Gutenberg von einem Indianerstamm erzählt, der folgende Altersstufen kennt: bis 48 Jahren ist man ein Kind, von 48 bis 68 ein Jugendlicher, von 68 bis 88 ein Erwachsener und von 88 bis 130 ist man alt. Der Papst wäre demnach jetzt im Erwachsenenalter und hätte seinen jugendlichen Übermut als Glaubenswächter abgelegt. Unter uns gesagt, ziehe ich - anstelle der kirchlichen Karriere - es vor, ein Botschafter des Humors, oder man könnte auch sagen ein Botschafter des Evangeliums zu sein, das heisst ja: der frohen Nachricht. Im übrigen halte ich es mit dem Hessewort: „Nur wer bereit zu Aufbruch ist und Reise, mag lähmender Gewöhnung sich entraffen.“

Die Fragen stellte Michael Titze.