Glosse von Mag. Erwin Neuwirth,
Organisator der Klagenfurter Humorkongresse und Ex-Präsident vonHumorCare Austria

Es war während meiner aktiven Zeit als Schauspieler nie meine Absicht, das Publikum einfach deshalb zum Lachen bringen, um das Immunsystem zu beleben. Beabsichtigt war lediglich, den Zuschauer empfindsamer zu machen für das Wesen Mensch, samt seinen Konflikten zwischen Sein und Haben. Lachen war da ein Nebenprodukt. Angenehm zwar, weil dieser Affekt das Maß der Aufmerksamkeit war, aber nicht unser Hauptanliegen. Wurde gelacht, hatte das Publikum die Pointe verstanden. Als Schauspieler haben wir mit (Spiel-)Freude auf den Unterschied im Zuschauerraum reagiert, zwischen still oder ruhig, lachen oder applaudieren. Wir haben das klangliche Verhalten als Aufmerksamkeit interpretiert. Mehr oder weniger. Danach orientierte sich die Leistung. Ging das Publikum mit, konnte man zulegen, war das Publikum lahm, musste man aufpassen, nicht zu viel zu geben. Es kommt mir abstrakt vor, die Qualität einer Aufführung nach heilsamen Kriterien bewerten zu können. Dass z.B. nach Abschluss einer Theatervorstellung der Hauspsychologe des Theaterensembles feststellen könnte, "auf Grund der heutigen 48 Lacher haben sich die Immunglobuline des Publikums verdoppelt". Oder der Intendant des Hauses erscheint mit der Mitteilung, "die Gebietskrankenkasse hat zehn weitere Vorstellungen gekauft". Was die heutige Gesellschaft zu inszenieren versucht, ist eine neue Lebenswahrheit. Die ursprüngliche genügt uns nicht. Wir brauchen eine gereinigte. Ein neues Biotop muss her. Die aktuelle Realität braucht eine soziale Kläranlage. Das Individuum eine geklärte Veranlagung.

Unter diesen visionären Aspekten fürchte ich mich vor dem Lachen. Und doch sind die heutigen Erzeuger des Lachens der Verlockung ausgesetzt, ein reinigendes Lachen zu inszenieren. Ein gereinigtes Absichtslachen. Eine Reproduktion des Lachens. Eine Nachahmung mit (vielleicht) heilsamer Wirkung.

Wir stehen vor einer verrückten Situation: Einem Teil der Gesellschaft wird das Lachen immer wichtiger, sogar zur Pflicht. Weil jeder Einzelne einen Nutzen trägt, wird argumentiert. Ähnlich den Streicheleinheiten, die man sich selbst erstreicheln kann. Wenn sich aber jeder Einzelne einen Nutzen verspricht, dann liegt der Nutzen des Lachens nicht mehr beim Einzelnen, sondern bereits bei der Gesellschaft. Es wird zum gesellschaftlichen Nutzen. Also wird zur Reproduktion des Lachens aufgefordert. Dabei wird das Lachen zu einem Kunstding, das der Natur abgeschaut, für einen bestimmten Zweck gestaltet wird. Der Zweck heißt gute Laune, oder mentale Gesundheit. Schnellere Genesungszeit, fröhlichere Stimme. Zehn Minuten in den Spiegel lachen, schon zeigt sich die Welt im besseren Licht. Ein Domino-Effekt, wenn es andere auch machen.

Das nachgemachte Lachen, vorausgesetzt es funktioniert, wird auf diese Weise ein naturähnlicher Affekt. Es orientiert sich am Original, wirkt bisweilen zwar nicht natürlich lebendig, doch formal richtig. Das mimetische Lachen hält sich an das Optische der Natur, an das ausschließlich real Sichtbare und es ist bemüht, sich in seiner äußeren Erscheinung, dem Original täuschend ähnlich zu zeigen. Unsere Vorliebe für das Original, das Eigenständige, das Natürliche, lässt eine Kopie natürlich minderwertig erscheinen. Zumindest tun wir so. Inzwischen sind viele Reproduktionen vom Original kaum mehr zu unterscheiden. Das meine ich gesellschaftlich. Der Austausch von Gesichtsmasken, einmal lachend, einmal lächelnd, geht nahtlos vom Original in die Fälschung über. Sensible Beobachter konstatieren: "Dein Lachen ist echt falsch." Vergleichen wir Lachnachahmung mit den Bühnenproben: Mit jedem Theaterstück findet ein Feilen an den Konturen des Menschenbildes statt. Wird eine Interpretation lebendig, dann deshalb, weil konkrete Erfahrungen in die fiktive Figur einfließen, die wiederum Erinnerungen wachrufen. Das Mittel dazu heißt situative Verwandlung. Das Ganze ist ein einfacher Vorgang, der herbeigeführt wird, durch die Konfrontation des Bestehenden, mit den Bildern des Möglichen. Keine Veränderung ist möglich, ohne Reibung am Bestehenden, an der sie sich entzündet, und durch die sie erst möglich wird. Für die Kunst des Schauspielers ist diese Mimesis Lebens-elixier, die in der Frage mündet: Wer bin ich? Wobei der Schauspieler auch für den Zuschauer die Frage aufwirft: Wer bist du? Wer sind wir? Die Antwort wird sogar vorgeschlagen. Oder die Lösung des Problems, durch die Verwandlung. Damit wird aus dem Nachmachen ein Vormachen. Damit es der Zuschauer leichter hat.

Nachmachen – vormachen – nachmachen. Es ist eine Handlungskette, die auf die Grundsatzfrage zurückgeht: Wer bin ich? Wer bist du?

Peter Ustinov.
„Der Engländer liebt das Gefühl, dass er über sich selbst lachen kann.
Er tut das aber nur, um den anderen die Freude zu nehmen, über ihn zu lachen.„