Die Sozialpädagogen, Clowns und Schauspieler Annette Fried und Joachim Keller berichten über das Theaterzentrum Reuschberg, ihr humorvolles Refugium
Seit wir die Akademie Reuschberg 1991 in einem ehemaligen Kloster im Spessart gegründet haben, lassen wir uns von Ereignissen überraschen, die in der 2500 Jahre bis zu den Kelten zurückreichenden Geschichte des Platzes so mit Gewissheit noch nicht stattgefunden haben. Und dabei fragen wir uns immer wieder: Ist es der Platz selbst, der diese Außergewöhnlichkeiten hervorbringt, oder sind es die Aktionen, die diesen Platz zu etwas Außergewöhnlichem machen. Der Platz und seine Widmung als Theaterakademie kooperieren.
Es ist drei Uhr nachts. Ein Dutzend Clowns drängt sich am offenen Fenster des Theatersaals zusammen und bestaunt die sich im Dunkeln abzeichnenden Schemen zweier Uniformierter. Und auf der anderen Seite, im ehemaligen Klostergarten, stehen zwei Polizisten, die ihrerseits ein Dutzend rotnasiger Figuren bestaunen - eben Clowns. Auf die Vermutung, dass hier jemand verfolgt würde, bewegen sich 12 Clownnasen staunend, aber wahrheitsgemäß hin und her. »Viel Spaß dann noch«, wünschen die Polizisten. »Ihnen auch«, tönt es mehrstimmig zurück.
Offengestanden haben wir uns von keinem der beschriebenen Ereignisse jemals träumen lassen.
Auch davon nicht: Im Lampenfieber, bevor das Fernsehen auf den Reuschberg kam, stürzt uns aus einer der Garderoben weinend eine Spielerin im Augustinenkostüm und mit verwischter Clownschminke in die Arme. Unter Schluchzen presst sie hervor: »Ich bin kein Clown!« Die Augustine hat sich in diesem Augenblick mit ihren eigenen Tränen getauft: Sie schenkt Gefühl von ihrem eigensten Gefühl - nichts anderes ist das Wesen des Clowns. Wer sich mit darstellender Kunst und freiem Theater befasst, stolpert fast zwangsläufig irgendwann über den Clown - eine universale Figur der Bühne, der Manege und der Straße. Die Akademie Reuschberg als Basis-station für Theaterfortbildungen und Aktivitäten des Ensembles „lrrwisch“ zieht weitere Kreise. Sie wird zur Künstlerkolonie. Straßen-künstler, Musiker, Schriftsteller, Circusartisten beleben das Gelände mit Stippvisiten oder als Dauergäste. Ein Ankerplatz im bewegten Ozean des Lebens, von dem wiederum kleine Wellen hinausgehen in die Welt.
Indientournee: „lrrwisch“ zieht vom Experimentierfeld im Spessart aufs heiße Pflaster Indiens. »Was transportieren Sie in diesem Mülleimer?« wird einer der 24 Spieler beim Security check am Flughafen gefragt. »Meine Krone«, gibt Luftritter Andulin zur Auskunft. Die Kontrolle fördert ein mit Stoff-fetzen kaschiertes scharfkantiges, spitzzackiges Metallobjekt zutage. »Das sieht gefährlich aus«, vermutet der Sicherheitsbeamte mit kritischem Blick. »Das ist es auch«, kommentiert eine Kollegin des Luftritters lapidar. »Man darf ihm nicht zu nahe kommen, sobald er es auf dem Kopf trägt.« Andulin gesteht man es auch zu, einem Sicherheitsbeamten an die kugelsichere Weste zu gehen mit der Bemerkung: »Na, sie haben kostümmäßig ja auch einiges drauf!« Es ist eine Grenzwanderung zwischen dem Evozieren von Abwehr und dem Erwecken des Lachens. Der Funke springt über, die Herzen sind weit, und die Krone landet mit den Irrwischen in Indien.
Wenig später sind die Irrwische berührt von der Freude und dem Segen der 1500 Flüchtlingskinder im tibetischen S.O.S.-Kinderdorf von Dharamsala. Nach dem Auftritt über den Wolken sammeln sich die Irrwische im Kreis und weinen vor Glück. „Lachende Kinder - weinende Clowns“ ist eines der inneren Bilder aus dem Himalaya. Reuschberg folgt dem Stern, Menschen in Freundschaft miteinander zu verbinden.
Wenn uns jemand fragte, wie wir Humor als Arbeits- und Forschungsfeld entdeckt haben, müssten wir zur Antwort geben: gar nicht. Weil es umgekehrt war. Der Humor hat uns gefunden. Unsere Dissertation „Identität und Humor“ wurde zum Türöffner für Vorträge, Workshops und Seminare auf Kongressen, Festivals, Messen und an Hochschulen.
Die Weichen für alles weitere waren bereits gestellt, als wir uns an der Uni kennen lernten. »Für uns führt sowieso kein Weg aneinander vorbei«, versprach mir Annette im Vorübergehen auf dem Campus. Das hieß, dass wir uns auf demselben Weg befanden und der offenbar ziemlich schmal sein musste, wenn man darauf nicht einmal aneinander vorbeikam. Wir mussten ihn nur noch gehen. Nachdem wir sowohl uns als auch einander gefunden hatten, wurde es ein gemeinsamer. Als unsere gemeinsame Dissertation aus einem Stipendium gefördert wurde, wähnten wir uns noch auf der Siegesstraße. Wir genossen die Zeit des Schreibens einer „Philosophie vorm Kaminfeuer“ als die schönste unseres bisherigen Lebens.
Das Hochgefühl war erkauft um den Preis einer Unkenntnis über die wahre Struktur gesellschaftlicher Institutionen, zu denen auch der Wissenschaftsbetrieb rechnet. Die Disser-tation scheiterte; die Grenzen jener Freiheit, die Lehre und Forschung für sich postulieren, sind mitunter eng gesteckt.
Aber wie anders hätte es auch kommen sollen mit einer Dissertation, die das Scheitern bereits in ihrem Titel trug: Der Clown. Clowns scheitern unentwegt. Aber sie gehen nicht unter. Wir zogen uns für eine komplette Neufassung der geschmähten Schrift in die indische Almwirtschaft zurück. Oberhalb des mit der Präsenz des Dalai Lama gesegneten Weltdorfes McLeod Ganj fanden wir auf dem Snow-view einen Ort der Sammlung, Kraft und Inspiration: ein Klima für das neue Projekt „Identität und Humor“, wovon wir in Deutschland nur hätten träumen können. Dennoch: zwischen den letzten Seiten riss der Verständnisfaden: Wofür machen wir das eigentlich?
Es war im Monsun, als wir auf dem Felsvorsprung vor unserer von Passionsblumen überwucherten Hütte, die schneebetupften Himalaya-Riesen in unserem Rücken, einen Weitblick suchten, der uns im Starren auf das leere Papier in der mechanischen Schreib-maschine und im Durchstöbern der 40 Kilogramm mitgebrachter Literatur auf Zitate abhanden gekommen war. Und siehe: statt des erhofften Ausblicks das Gegenteil davon. Eine Nebelschwade hüllte uns ein in zu feinen Tröpfchen kondensierte Nässe, schwer atembar, undurchsichtig, jedes Geräusch erstickend. Indische Wolken entwickeln während des Monsun eine eigene Persönlichkeit. Sie können zum Beispiel einen Raum durch das Fenster betreten und durch die Hintertür wieder verlassen. Die Irritation, der Widerspruch zwischen der erwarteten Fernsicht und der real vorgefundenen Opazität, war von - solch überwältigender Komik, dass wir darüber in Gelächter ausbrachen.
Und das war dann auch schon das Evidenzerlebnis: Lachen. Genau dafür machten wir das alles. Darüber schrieben wir, danach forschten wir, dafür lebten wir. Im Lachen verewigt sich der Effekt des Spielens, die Selbstaffizierung mit guter Laune entspringt der zugewandten Befassung mit sich selbst und dem, was man liebt. Liebe - welches andere Motiv könnte es geben, überhaupt irgendetwas zu tun?! In diesem Moment öffnete sich die uns umfangende Wolke, bildete einen Kanal, durch den die abendlichen Sonnenstrahlen auf uns fielen und unsere Konturen auf die Flanke eines nahen Bergsporns projizierten. Unsere Schemen waren gerahmt vom Vollkreis eines Regenbogens, hervorgerufen durch Tränen im Licht.
Im zweiten Anlauf überwanden wir die universitären Hürden. Nicht, dass die Wissen-schaft uns damit gerne anerkannt hat; wir waren einfach nur sturer. Von der Universität nahmen wir den Doktortitel der Philosophie mit; wichtiger als das war uns der Segen, den uns der im Sterben liegende Doktorvater unserer ersten Dissertation mit auf den Weg gegeben hat. „Der Clown“ war gescheitert; daran gewachsen war unsere Beziehung und die zu unserem todgeweihten Mentor.
Drei Monate nach der Disputation grün-deten wir die Akademie Reuschberg. Damit wurde ein 14 Jahre lang gehegter Traum wahr.
Wer die Akademie aufsucht, handelt zunächst einmal regelwidrig. Er übergeht - sofern er sich mit einem Motorfahrzeug annähert - das Verbotsschild neben dem Landwirtschaftsweg. »Die letzten Häuser von Schöllkrippen liegen weit hinter einem, während man durch die Felder fährt. Schwärme von Vögeln erheben sich in den dunstigen Himmel, ein Raubvogel hüpft verdrießlich ein Stück von seiner Beute weg. Hier draußen kann doch niemand mehr wohnen!« schildert ein Redakteur des Main-Echos seine ersten Eindrücke in einem Zeitungsartikel. »Man glaubt fast, ans Ende der Welt zu kommen«. Ist es auch, zumindest das Ende der bekannten Welt.
Die unbekannte beginnt unter den tief herabhängenden, eine Arkade aus Laub bildenden Ästen der Einfahrt: Reuschberg im Dornröschenschlaf. Die ältesten noch bestehen-den Hofteile zeugen von der Zeit vor dem Dreißigjährigen Krieg. Vögel durchqueren das verrottete Gebälk und ziegellose Stellen in dem, was längst nicht mehr den Namen Dach verdient. 1728 wurde das Herrenhaus als Jagdsitz für einen Kirchenfürsten errichtet und 1938 eine Kapelle angebaut: Das verlassene Kloster warb mit idealen Bedingungen für die Umwidmung in ein Theater - wenn man sich das fast flächendeckend bis auf anderthalb Meter Höhe angehäufte Gerümpel und die schwarzen Vorhänge aus Spinnweben wegdachte, die bis zum Boden reichten und sich in der Zugluft bauschten. Der Altar markierte die Mitte der Bühne. Mit der Sakristei gab es eine Künstlergarderobe, die Beichtstühle würden zu Zuschauerklos werden, die ehemaligen Zellen der Mönche über dem Theaterraum zu Spielerzimmern. »Das packt ihr nie!« lautetedie Prognose einer Spielerin zum bevor-stehenden Ausbau. Aus diesem Problem-bewusstsein entwickelte sie das Konzept
für Zimmerpatenschaften. Spieler übernehmen die Verantwortung für einzelne Zimmer und gestalten jedes nach ihrer eigenen Vorstellung zum Wohlfühlen für die Gäste. Idee und Ort kamen in eins: eine Heimat zu finden für uns und unsere Theaterstudenten, aus denen Mitglieder des Hausensembles „Irrwisch“, Freunde, einige darunter zu Mitbewohnern wurden.
Die Idee keimt immer wieder auf: Die Akademie Reuschberg ist vordergründig nur Theater; dahinter handelt es sich um eine unsichtbare Universität in der Kunst des Alltagshandelns, des Lebens- und Gefühls-managements. Alles ist eine Szene. Es geht um den Prozess, das „Wie“ dessen, was man gerade tut - Lebenskunst. Jetzt - ganz - mit Spaß. Denn: aufeinander bezogen sind wir immer.
Die sinnliche Erfahrung der guten Wünsche eines Himmels voller Blüten - alles ist machbar, alles ist möglich. Rosenblätter regnen auf das Hochzeitspaar herab, bilden einen Blütenteppich zu seinen Füßen. Kostbarkeit des Augenblicks.
Der Reuschberg kooperiert - eine Schlange besucht uns in der Küche - am Vortag des Elemente-rituals im Rahmen einer Hochzeitszeremonie. Am Ende schlägt der Blitz ins Telefon, und ein Regenbogen erscheint. Synchronizitäten sind Überschneidungen von Innenwelt-geschehen und äußeren Ereignissen; Geschenke der Kraft.
Reuschberg ist Rückzugsort und Denkburg - und einer der wenigen Berge, auf denen eine Werft eingerichtet ist. Sobald das Segelschiff seetüchtig gemacht ist, wird es von Hundert Gästen umrundet. Das „Sternen-schiff“ wird mit Sekt bespuckt, um hernach auf dem Mittelmeer zu kreuzen.
Nein: wir hätten uns zu Abiturzeiten gewiss nicht träumen lassen, ein Kloster aus dem Dornröschenschlaf zu erwecken. Auch nicht, bis zur Morgendämmerung auf Knien herumzurutschen, um Pflastersteine zu legen - so beim Umbau einer Scheune zum Theater „Drachenschuppen“ mit 400 Sitzplätzen.
»Ich hab euch doch gesagt: das hier ist eine verzauberte Welt«, beantwortet ein Großvater das wortlose Staunen in den Augen seiner Zwillingsenkel, als der große Glücksdrache zwischen Elfen, Fröschen, Riesenameisen, Schamanen und Phantasiewesen hindurch-schlendert. Eine Welt mit Clowns auf dem Türmchen der historischen Schmiede -
mit der Uhr, deren Zeiger längst stehen geblieben sind.
Der Lebensrhythmus wird durchbrochen: Theater ist ein Betrieb der Nacht. Das Dunkel zwischen den Kulissen ist die Blue screen für die Hervorhebung der Bühnenakteure als Juwelen im Rampenlicht. Spot an. Alles ist anders. Das Leben spielt nachts.
Vor allem: es spielt.
„Dort sind Leute! Denkt Euch, die schlafen nicht!„
„Und warum denn nicht?„
„Weil sie nicht müde werden.„
„Warum denn nicht?„
„Weil sie Narren sind.„
„Werden denn Narren nicht müde?„
„Wie könnten Narren müde werden?„
Franz Kafka
Er wollte überhaupt nicht mit ihr spielen. Highlights liefern Lachsalven, die sich als ekstatische Spontanexplosionen aus der Gruppenküche entladen. Anlass sind die legendären Küchenszenen, die »natürlich wieder keiner filmt.« Da ist es wieder, das Lachen, das Gold der Seele. Es ist der Mühen einer alchi-mistischen Transformation von Leid in Lust wert. »Ich habe hier das Lachen wieder gelernt«, verrät eine Spielerin. »’Du strahlst immer so’, wird mir gesagt, wenn ich vom Reuschberg komme«, fügt sie hinzu. Der Reiz des Reusch-bergs liegt in der Teilhabe an einer Nicht-Institution, die die Mensch-zu-Mensch-Be-gegnung fokussiert. Man kann hier sein, wie man ist. Was für ein Chaos, und - es funktioniert. Von Show zu Show. „Archaische Anar-chie“ haben wir die Vorstellung von Gemein-schaft getauft. Sie ist ein Mysterium. Das Mysterium wirkt. Immer.
Die Akademie Reuschberg ist zu einem Ort geworden, an dem sich Bewegungen gegen den Zeitgeist sammeln dürfen. Kulturschaffen anstelle von Kulturkonsum. Ausstieg aus den Regulativen von Macht und Geld. Ideenbörse, Theater als Basis von gemeinsamen Abenteuern, freiwilliger Totaleinsatz der Spieler und Helfer als Reuschberg-Team unter dem Leitgedanken: Mögen alle, die da kommen und gehen, Glück bringen und Glück erfahren. Mit Phantasie und Gefühl wird die Gegenmedizin zur rational-materialistischen Weltsicht angemischt.
Grundmauern galt es zu restaurieren, die von den Vorbesitzern auf der Suche nach Schätzen angegraben worden waren. Alle, die hier je nach einem „Schatz“ gruben, haben etwas übersehen: der Schatz und Reichtum ist der Platz selbst - vom Dach überm Kopf bis zur Wasserquelle, die den Ort seit Jahrtausenden mit Leben speist. Michael P. Whitcher, der Weltbürger mit amerikanischem Pass, sieht das genauso. Mit ausgebreiteten Armen steht er des Morgens in der Küche, um den Versammelten auf dem Reuschberg den Abschiedsmonolog zu halten: »Das Geheimnis des Platzes ist seine Energie. Er ist umgeben von einem Energiefeld, und diese Energie ist, was man nennt: die Liebe. Über dem Platz leuchtet der Regenbogen der Liebe.« Im breiten Grinsen von „Mr. World-wide Guy“ bricht sich die Pathetik seiner Worte, denn er hat das Prinzip des Theaters aufgenommen: Spiel.
Und dennoch wird die Liebe zum eigenen Lebensentwurf immer wieder auf die Probe gestellt. Das Vertrauen hat ein Vorbild in der alten Blutbuche gefunden, und Dankbarkeit dient als Wegweiser zu Selbst und Welt. „Es gibt keinen Zufall“ - eine gewisse Vorsicht scheint angeraten bei dem, was man träumt. »Humor ist, wenn man's anders macht«, hat Michael Titze ins Reusch-berger Gästebuch geschrieben. Es einmal anders zu machen - das war auf jeden Fall ein Jugendtraum.
Wir bleiben dran.
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